Jules Wenzel illustriert mit Tattoo-Nadel und Nähmaschine

Stich für Stich

Als Tätowiererin hat Jules Wenzel schon so gut wie alles gestochen, vom Käsebrot bis zum abgehackten Pferdekopf aus „Der Pate“. Nebenbei inszeniert sie Stoff-Affen vor der Kamera oder schafft ihre eigenen Welten mit dem Stift auf Papier. Unsere Autorin Anna Weilberg hat die vielseitige Illustratorin in ihrem Atelier im Hamburger Oberhafen besucht.

Autor

Anna Weilberg

Anna Weilberg ist freie Journalistin und Co-Gründerin von www.femtastics.com, dem digitalen Magazin für Girlpower.

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Fotos: Linda David

Jules Wenzel teilt sich ihr Atelier mit ein paar Affen, Sadomaso-Typen und Hafenmusikern. Nackte Brüste gibt es auch. Mittendrin beugt sich die sympathische Kreative an ihrem Schreibtisch übers Skizzenbuch und zeichnet. Die skurrilen Gestalten um sie herum stören kein bisschen, denn sie sind regungslos und stumm – entstanden an Jules' Nähmaschine. Zum Leben erweckt sie die Stofffiguren erst in der Inszenierung vor der Kamera.

Jules' Atelier liegt im Hamburger Oberhafen. Das Gebiet südlich vom Hauptbahnhof ist fast gänzlich umschlossen von Bahngleisen und Elbe, man könnte es für industrielles Brachland halten. Tatsächlich aber steckt es voller Kreativität. Die Illustratorin hat zwei Räume im Kopfbau von einer der früheren Güterhallen ihr eigen gemacht. Zwischen unterschiedlichen anderen Kreativen, von der Schmuckdesignerin bis zum Musiker, kann sie sich hier ungestört austoben.

Die Idee, Illustrationen an der Nähmaschine zu gestalten, entstand während ihres Kommunikationsdesign-Studiums an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. “Mein damaliger Professor, Martin tom Dieck, fand die Idee originell und hat mich bestärkt, diese Richtung weiter zu verfolgen“, erinnert sich Jules. Also kreierte sie für ihre Abschlussarbeit keine zweidimensionalen Illustrationen, sondern 3-D-Figuren und skurrile Gegenstände aus Textilien. Ihr Stil ist unverkennbar – egal, ob kantige Seemänner, lässige Paviane oder halbnackte Kerle in Latexmasken. Die Charaktere sind sympathisch, niedlich und doch ein bisschen verschroben. Auch die passenden Accessoires näht Jules von Hand. Das können Musikinstrumente sein, ein Waschbecken, eine Tüte Pommes Rot-Weiß und natürlich die zugehörige Kleidung für ihre Puppen, vom Flanellhemd über winzige Sneakers bis zur wasserabweisenden Regenjacke.

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In Jules' Atelier am Oberhafen hausen die unterschiedlichsten Charaktere. Den hanseatischen Musiker hat sie für die Illustration eines Kinderliedsampler gestaltet.

Charakterköpfe als Fotomodels

Die fertigen Puppen und Accessoires werden dann für Editorials, Poster oder Albumcover fotografisch in Szene gesetzt. Jules verkauft das Bildmaterial, nicht die genähten Figuren selbst. Aus diesem Grund besitzt sie die Originale alle noch, sofern die Figur keine private Auftragsarbeit war. Ihre zwei Atelierräume am Hamburger Oberhafen sind bevölkert von genähten Charakteren und Objekten, die an Jules' bisherige Aufträge erinnern.

Mit Hamburg verbindet sie nicht nur ihren Arbeitsplatz – Jules ist praktisch in der Hansestadt aufgewachsen, lebt hier mit kurzen Unterbrechungen seit ihrem vierten Lebensjahr. Auch ihre Kunden kommen vor allem aus Hamburg: In den vergangenen Jahren hat sie unter anderem für das Überjazz-Festival Musiker und Instrumente gestaltet, für den Oetinger Verlag einen Musiker unterm Kinderbett, für die „Men's Health” männliche Lebensphasen visualisiert und das Hamburger DJ-Trio Heavy In The Streets in Affen verwandelt.

Drei Tage im Tattoo-Studio

Ihre Stoff-Figuren sind jedoch nicht Jules' einziger Job. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich als Tätowiererin im Studio „Immer & Ewig Tattooing“. Als sie nach ihrem Studium zurück nach Hamburg zog, beobachtete sie eine spannende Entwicklung in der Tattoo-Szene: „Das hatte nichts mehr mit den Standardmotiven zu tun, die es gab, als ich mich mit 18 habe tätowieren lassen“, sagt sie. „Jetzt gab es plötzlich diese aufwändigen, individuellen Tattoos mit illustrativem Anspruch – Zeichnungen auf der Haut.“ Haut als weiteres Medium für ihre Illustrationsarbeiten – Jules war gepackt von dieser Idee und schloss an ihr Studium noch eine Lehre als Tätowiererin in einem Hamburger Studio an.

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„Jetzt gab es plötzlich diese aufwändigen, individuellen Tattoos mit illustrativem Anspruch – Zeichnungen auf der Haut.“

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Heute hat Jules als Tätowiererin ihren Beruf gefunden und als Gestalterin ihre Berufung; arbeitet drei Tage pro Woche im Studio und widmet sich an den anderen Tagen ihren Illustrationsaufträgen – gezeichneten wie genähten. Auch bei ihren Tattoos hat Jules' markanter Stil eine treue Fangemeinde. „Ich tätowiere wahnsinnig gerne Figuren, aber Häuser und skurrile Gegenstände liebe ich auch. Ungewöhnliche Motive, die ich vorher noch nie gemacht habe“, sagt sie. Das waren schon einmal ein Käsebrot, eine Maggiflasche, eine Knoblauchzehe und der Pferdekopf auf dem Kissen aus dem Film „Der Pate“. Zuerst erstellt sie die Zeichnungen, dann überträgt sie die Vorlagen auf die Haut. „So zeichne ich durch meine Arbeit als Tätowiererin automatisch die ganze Zeit“, sagt Jules.

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Illustrationen auf der Haut. Als Tätowiererin zeichnet Jules "automatisch die ganze Zeit".

Freunde in vielen Cliquen

Wird das nicht manchmal stressig mit diesen vielen verschiedenen Jobs? „Ich würde mich langweilen, wenn ich nur eine Sache hätte“, sagt Jules über ihren selbstgewählten Berufs-Mix. „Ich liebe meine Arbeit und meine Kollegen, aber es ist schön, Nischen zu haben, in denen man nicht so festgefahren ist. Das ist wie in der Schule, wenn du verschiedene Cliquen hast – du bist nicht nur in einer Welt unterwegs.”

Hier erfahrt ihr mehr über Jules
www.juleswenzel.de

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