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In der Notenbibliothek der Symphoniker Hamburg

Notenbibliothek Titel

Wenn die Symphoniker Hamburg für einen neuen Abend Brahms, Beethoven oder Bach proben, kommen sie an Nikolai Brücher nicht vorbei. Der Notenbibliothekar verwaltet das gesammelte Orchesterwerk – und hat sich damit einen Lebenstraum erfüllt: Seine Existenz der klassischen Musik zu widmen. Autor Sascha Ehlert hat ihn in seinem Archiv besucht.

Autor

Sascha Ehlert

Sascha Ehlert ist freier Journalist, einer von drei Verlegern des Korbinian Verlags, sowie Gründer und Chefredakteur der Kulturzeitschrift Das Wetter.

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Nikolai Brüchers Büro liegt im Souterrain der Laeiszhalle, und obwohl der Jahrhundertwende-Bau von außen mit neobarocken Schnörkeln protzt, wirkt der fensterlose Raum eher schmucklos. Entscheidend ist, was man nicht sofort sieht: An drei Wänden erstrecken sich Regale, bis zur Decke vollgestapelt mit blauen Ordnern. Darin schlummern die Noten für sämtliche Großwerke der europäischen Klassik.

Der Notenbibliothekar nimmt hinter dem Schreibtisch Platz, das blassblaue Hemd sitzt akkurat, dazu trägt er Jeans. Nikolai Brücher ist in seinen Dreißigern, aufgeschlossen, interessiert und nein, das Wort verschroben kommt einem nicht in den Sinn, wenn man sich mit ihm unterhält, eher strahlt er eine einnehmende Gelassenheit aus. Seine Aufgabe ist, die Noten für Dirigenten und Musiker vorzubereiten, sobald ein Werk im Spielplan feststeht. „Und wenn wir Werke spielen, deren Komponisten noch nicht seit 70 Jahren tot sind, bin ich auch dafür verantwortlich eventuelle rechtliche Fragen zu klären und die Noten vom zuständigen Verlag zu organisieren.“

Auch außerhalb des Saales klingt die Laeiszhalle außerordentlich gut

Zum selbst Musizieren ist in seinem Jobs kein Platz, aber der Bibliothekar ist ohnehin den ganzen Tag von Musik umgeben. Auch während unseres Gesprächs proben die Symphoniker im großen Saal der Laeiszhalle, man hört sie ganz deutlich in seinem Büro.„Wollen wir uns das eben mal ansehen?“, fragt er – und schon sind wir unterwegs zum Saal. Das Durchschreiten der leeren Gänge der Laeiszhalle erfüllt einen mit Ruhe. Auch außerhalb des Saales klingt die Spielstätte außerordentlich gut. Wir betreten den großen Saal auf Höhe des ersten Balkons, durch das helle Glasdach fällt Licht auf die Bühne, auf der gerade die Symphoniker spielen. „Es ist natürlich ein Privileg, dass ich jederzeit hierherkommen kann und so etwas hören darf“, sagt Nikolai Brücher.

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Brücher hört bei den Proben der Symphoniker zu: "Ein Privileg." Ab Januar 2017 werden sie auch die neue Elbphilharmonie bespielen.

Tatsächlich wirkt das Erhebende und Erhabene an der Orchestermusik auf mich viel stärker an einem Vormittag in einem leeren Konzertsaal. Ein großer Raum, mit Ausnahme der Bühne völlig leer – das eröffnet auch einen anderen Raum für Gedanken als ein Konzertabend, der nicht nur Genuss, sondern auch soziales Ereignis ist. „Ja, das hier ist vormittags schon ein guter Ort zum Denken“, findet auch der Notenbibliothekar. „Natürlich habe ich nicht ständig Zeit hier zu sitzen, aber immer wenn ich kann, komme ich hier hoch.“

„Mich hat an Deutschland die kulturelle Landschaft gereizt“

Ob er sich nicht manchmal einen Gegenpol wünsche, neben all den Noten und der Orchestermusik? Ein Punk-Konzert vielleicht? Nikolai Brücher lacht, „Nein, nein“– er interessierte sich schon in seiner Jugend für europäische Klassik. „Ich gehe auch zum Vergnügen abends auf klassische Konzerte. Manchmal allerdings auch aus beruflichem Interesse und weil ich wissen will, was im Bereich der Neuen Musik passiert.“

Sein Interesse mag daher kommen, dass er nicht allein Notenbibliothekar ist. Studiert hat er eigentlich Komposition, zunächst in seinem Geburtsland Brasilien, dann in Deutschland. „In meiner Heimat ist Orchestermusik noch viel mehr ein abgeschlossener, elitärer Raum als in Deutschland. Ich wollte nicht nur aus Ausbildungsgründen hierher, sondern weil mich allgemein die kulturelle Landschaft gereizt hat.“ Selbst zu komponieren war ihm allerdings erst mal nicht vergönnt. Zunächst ging er nach München, um sein Studium fortzusetzen, allerdings landete er schon bald danach in Berlin. Auch dort blieb er nur ein paar Jahre, für die Arbeit ging er schließlich nach Hamburg, zuerst zu einem kleineren Orchester und schließlich zu den Symphonikern, für die er seit zwei Jahren arbeitet. Immer im Gepäck: Die Hoffnung, irgendwann eine eigene Arbeit auf Notenpapier an die Musiker verteilen zu können.

Gerade komponiert er das erste eigene Stück für die Symphoniker

Und tatsächlich bekommt er im kommenden Jahr genau diese Chance: Gerade komponiert er zum ersten Mal selbst ein Stück für die Symphoniker Hamburg. „Jobs als Komponist zu finden ist unglaublich schwierig“, sagt Nikolai Brücher. Eine einzige Aufnahme oder Probe ist aufgrund der vielen involvierten Musikern schon kostenintensiv und die Chance ist gering, auf einem der Spielpläne der großen Häuser zu landen. Die meisten aktuellen Komponisten arbeiten schon seit Jahrzehnten in der Branche, häufig sind sie gleichzeitig Dirigenten, Dozenten oder auch selbst Musiker. Denn selbst wenn ihre Werke ab und an aufgeführt werden – reich werden sie damit nicht.

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Brücher hat Komposition zunächst in Brasilien, dann in Deutschland studiert.

Für Nikolai Brücher ist der Ansporn ohnehin ein anderer:„Ich glaube, dass die Schönheit einer guten Komposition so universal ist, dass sie eigentlich jeden erreichen kann.“ Das gelte zum Beispiel auch für jüngere Leute. „Die Frage beschäftigt mich natürlich, wie man junge Menschen für das begeistern kann, was wir hier tun.“ Für den ein oder anderen mag die prächtige Laeiszhalle einschüchternd wirken. „Ich kann auch verstehen, wenn man als junger Mensch vom Orchesterbesuch zurückschreckt, weil man dort zwei Stunden ohne Pause sitzt.“ Ich schlage ein Klavierkonzert mit Wein in der Hand vor, als optimale Synthese. Nikolai Brücher lächelt.

Wir haben lange geredet, der Notenbibliothekar muss bald die nächste Probe vorbereiten. Und während ich schon an der Brahms-Skulptur vor dem Haupteingang vorbei Richtung Jungfernstieg laufe, zieht Nikolai Brücher wohl einen der vielen blauen Ordner aus seiner Regalwand, auf dass aus dem unscheinbaren Inhalt etwas ganz Besonderes werde.