Mit Marco Antonio Reyes-Loredo der Kunst auf der Spur

Radtour auf der Elbinsel Wilhelmsburg

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Er lebt in einer ehemaligen Farbenfabrik, wurde durch eine TV-Sendung in seiner Küche bekannt und veranstaltet monatlich Hamburgs kreativsten Flohmarkt auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Unsere Autorin Lena Frommeyer ist mit Künstler, Kulturmensch und Filmproduzent Marco Antonio Reyes-Loredo und seinem Lastenrad durch den Süden gefahren.

Autor

Lena Frommeyer

Lena Frommeyer ist Journalistin, die in gesellschaftlichen Nischen nach Themen sucht und sich in der Kulturlandschaft herumtreibt.

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Fotos: Claudius Schulze

Marco Antonio Reyes-Loredo wohnte schon zwei Jahre in Hamburg, als er das erste Mal bewusst die Elbe Richtung Süden überquerte. Ein befreundeter Stahldesigner hatte ihn in sein Atelier nach Wilhelmsburg eingeladen, der Freund versprach, ihn auf der anderen Seite des Flusses abzuholen. Also stieg der damals 25-Jährige auf sein orangefarbenes Bonanzarad und fuhr durch den alten Elbtunnel an den Landungsbrücken, der schon seit Jahren fast nur noch von Fußgängern und Radfahrern benutzt wird.

Für ein paar Minuten rollte Marco durch die schmale Tunnelröhre, vorbei an kühlen Kacheln und mystischen Fischreliefs. „Es ging dann weiter durch die Abendsonne, an verwunschenen Hafenbecken vorbei, der absolute visuelle Overkill“, erzählt er heute. Er fand sich schließlich auf der 250 Quadratmeter großen Dachterrasse des Designers wieder, mitten auf einem Fabrikgelände – zur linken der Fernsehturm, zur rechten der feuerspuckende Schlot einer Raffinerie. „Ich nippte an meiner Bionade, das war damals der ganz heiße Scheiß, schaute in die Runde und dachte: Halli Hallo, keine Ahnung, wie dieses Wilhelmsburg sonst so ist, aber das ist ganz schön cool.“

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In Wilhelmsburg ist genug Platz, sich kreativ auszuleben.

Die nächste Eskalationsstufe

Zwei Jahre hat Marco gebraucht, bis er ebenfalls auf die Elbinsel zog, seit mittlerweile zehn Jahren lebt er dort, in einem der multikulturellsten Stadtteile Hamburgs, der auch lange als der kriminellste galt. Heute sitzt er wieder bei einem Trendgetränk im Viertel: „Coffee-Tonic, die nächste Eskalationsstufe für alle die Kaffee irgendwann nicht mehr schockt“, sagt Marco. Er hat es sich draußen vor dem Bistro „Kaffeeklappe“ gemütlich gemacht und ein Omelett mit Biobrot bestellt. Nebenan spielen Kinder mit Straßenkreide. Eine Mutter stillt ihr Baby in der Sonne.

Das Bistro in der Fährstraße hat Marco 2015 zusammen mit Freunden eröffnet. Nur eines von zahlreichen Projekten, bei denen er in Wilhelmsburg mitwirkt. Er hat den Abriss einer alten Fabrik verhindert, wurde für eine TV-Sendung in seiner Küche für den renommierten Grimme Preis nominiert und hat ein Pop-up-Festival organisiert, um dem Leerstand im Viertel entgegenzuwirken. Wilhelmsburg galt lange als abgehängt, aber in den letzten Jahren spürt man Veränderung. Studenten und Familien aus der Mittelschicht ziehen auf die Elbinsel. Viele Hamburger setzen sich mal eben auf’s Fahrrad, um den Süden zu erkunden – und zu schauen, was sich Menschen wie Marco dort gerade wieder ausdenken.

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Marco in der "Kaffeeklappe". Das Café ist eine Anlehnung an die alten Hafenkantinen.

„In St. Pauli war gefühlt jeder Platz besetzt“

Marcos Biografie klingt so abenteuerlich wie ein Film des Hamburger Regisseurs Fatih-Akin. Sein Vater kommt aus Bolivien, seine Mutter aus Polen. Er wuchs zu DDR-Zeiten in der Stadt Weimar auf. Dort eröffnete er mit 18 ein Fitnessstudio, ging dann aber der Liebe wegen nach Hamburg. Hier jobbte er als Webdesigner. Später wurde er Assistent im Schmidt Theater auf Hamburgs Vergnügungsmeile St. Pauli. Sein damaliger Mitbewohner arbeitete als Einrichter für verschiedene Kulturhäuser und nahm ihn einfach mit. „Bei uns auf dem Klo hingen überall Fotos, auf denen er Lionel Richie oder Paul McCartney umarmte. Da wusste ich, der Typ hat einen interessanten Job.“

Marco lebte in St. Pauli, studierte Kulturanthropologie und traf Menschen, die ihm Geschichten aus den legendären 70er und 80er Jahren erzählten – damals, als in dem Stadtteil noch alles ging, man einfach machen konnte. Marco selbst fühlt sich immer öfter eingeengt. „In St. Pauli war gefühlt schon jeder Platz besetzt. Irgendwann war mir klar, dass ich nicht dauernd nur Geschichten hören, sondern irgendwann selbst welche erzählen will.“

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Noch ein Stop für Marco und Autorin Lena: der interkulturelle Garten.

Zu dieser Zeit hörte er auch die ersten Geschichten aus Wilhelmsburg. Die bekannte Indie-Band Tocotronic war gerade weggezogen. „Und in den 80ern legte Die-Sterne-Frontmann Frank Spilker in einer Wilhelmsburger Hafenkaschemme seine heißen Platten aus London auf“, sagt Marco – Spilker ist eine weitere Hamburger Musiklegende und Wilhelmsburg-Pionier. Trotzdem bot der Stadtteil noch den Platz, den Marco vermisste. Gemeinsam mit seiner Freundin renovierte er den ersten Stock einer ehemaligen Farbenfabrik im Norden Wilhelmsburgs, um dort zu leben – an der Grenze zwischen Wohngebieten, Gewerbeflächen und dem Hafen.

"Ich dachte: Halli Hallo, keine Ahnung, wie dieses Wilhelmsburg sonst so ist, aber das ist ganz schön cool.“

Marco über seinen ersten Ausflug auf die Elbinsel

Kunst, Stagediving und gemeinsames Essen

In seiner großen Küche kochte er oft für Freunde. Irgendwann schlug der inzwischen verstorbene Hamburger Sänger Nils Koppbruch vor: Das ist der perfekte Ort für eine Fernsehsendung. Marco, der nicht mal einen Fernseher besaß, sträubte sich – räumte dann aber doch mehrmals im Jahr die Möbel aus der Wohnung, um zu den “Konspirativen Küchenkonzerten” zu laden, einem Forum für Populärkultur mit Livemusik, Kunst, Stagediving und Gesprächen beim gemeinsamen Essen. Wer nicht mehr in die Küche passte, schaute die Sendung im Internet oder im Regionalfernsehen.

2010 wurde das Format als erste freie Produktion überhaupt für den deutschlandweit bekannten Grimme Preis nominiert. Als das ZDF mit einstieg, brauchten Marco und das Team seiner Produktionsfirma „Hirn und Wanst“ mehr Platz. Er fuhr mit dem Fahrrad durch Wilhelmsburg und entdeckte die ehemaligen Zinnwerke am Veringkanal. Nach und nach mietete er immer mehr Räume des leer stehenden Fabrikkomplexes an. Befreundete Künstler richteten sich ein – und stemmten sich mit ihm gegen den geplanten Abriss.

Die Zinnwerke

Rundgang mit Marco

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  • Marco in einer der Hallen in den Zinnwerken.

  • Marco an seinem Arbeitsplatz.

  • Marco zeigt Lena die Dachterrasse der Zinnwerke.

  • Der Flohmarkt in den Zinnwerken findet immer am ersten Sonntag des Monats statt.

Heute sind die Zinnwerke ein Ort mit Hochbeeten auf dem Parkplatz und vielen Gemeinschaftsbüros, in denen die Kühlschränke mit Limo gefüllt sind. Hier arbeiten Marco und sein Team an ihren Produktionen. Der Dokumentarfilm „Die Wilde 13“ – so nennen die Wilhelmsburger ihre Buslinie, ohne die nichts ginge – wurde sogar als Bühnenstück adaptiert und im Hamburger Thalia Theater aufgeführt.

Marco geht durch die große Halle der Zinnwerke, die leer steht. Nach wie vor ist ungeklärt, was mit dem Gebäude passiert. Trotzdem richtet Marco hier jeden ersten Sonntag im Monat einen Kulturflohmarkt mit tausenden Besuchern aus. Für viele Menschen im Viertel ist der FlohZinn ein Highlight: Es gibt Livemusik, Anwohner verkaufen äthiopische oder polnische Speisen, ein Imker seinen Honig, neue Initiativen aus dem Viertel stellen sich vor.

Im Sommer erobert die Partyszene die Elbinsel

„Die Zinnwerke sollen das Schaufenster zum Kulturkanal sein“, sagt Marco. Er spricht von dem Ziel, entlang des Veringkanals mehr Kulturstätten eine Plattform zu bieten. Obwohl die offizielle Nutzungsgenehmigung noch auf sich warten lässt, leben bereits viele Kreative diese Idee. Mit seinem Lastenrad fährt Marco das grüne Ufer entlang, vorbei an Bandproberäumen und Ateliers, dem Nachtclub Turtur und dem Archipel, einer schwimmenden Plattform für Konzerte und Workshops. Er kommt am interkulturellen Garten vorbei und erreicht die Alte Schleuse, an der jeden Sommer das Dockville Festival stattfindet und die Hamburger Partyszene auf die Elbinsel lockt.

Auch in den Zinnwerken selbst soll bald mehr passieren. Ein Künstlerkollektiv konstruiert gerade eine begehbare Installation aus alten Baugerüsten, die sich Nutzungsbedürfnissen anpasst. „Die Elemente können beispielsweise als Pop-up-Shop, Bühne und Sitzelemente für Märkte, Theater- oder Konzertabende genutzt werden“, sagt Marco. Ein Monat Programm ist geplant, den Abschluss bildet ein Fahrradfestival. Wie passend, findet auch Marco – denn damals wie heute erkundet man diese Insel am besten auf dem Rad.

Das Projekt Schau.Spiel.Platz startet am 1. September 2017. Einen Monat lang wird das Gelände der Zinnwerke bespielt: Am 2. September heißt es zum Beispiel „Kanal und Liebe“ – das Sommerfest in und um die Wilhelmsburger Zinnwerke sowie auf dem Kulturkanal; vom 9. bis 18. September findet mit „ZINNEMA“ das erste Open Air Kino mit Anti-Regen-Garantie statt; am 1. Oktober lockt ein großes Fahrradfestival auf das Gelände.

Mehr Infos über die Zinnwerke findest du hier

www.zinnwerke.de

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