Oberhafen: Ort der Sehnsucht

Kreativquartier im Stadtzentrum

Oberhafen genlte rain release 2016

Mitten in Hamburg wird ein ehemaliger Güterbahnhof zur kreativen Insel. Zwischen HafenCity und Hauptbahnhof treffen Musiker auf Parkour-Läufer, Tischler auf Filmemacher. Nach Startschwierigkeiten ist im Oberhafen wieder Aufbruchsstimmung zu spüren – unsere Autorin Lena Frommeyer hat bei ihrem Rundgang einige der Macher vor Ort besucht.

Autor

Lena Frommeyer

Lena Frommeyer ist Journalistin, die in gesellschaftlichen Nischen nach Themen sucht und sich in der Kulturlandschaft herumtreibt.

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Fotos: Roeler und Malte Spindler

Vorsichtig hebt Sebastian Ploog, genannt Batte, das Dach der Modellhalle an und legt es zur Seite. Im Inneren wird allerhand Gerät im Miniaturformat sichtbar: Rampen, Matten, Podeste – jeder Zentimeter des kleinen Gebäudes ist ausgenutzt. Der 30-Jährige stellt eine Ninja-Turtles-Actionfigur hinein. „Die ist relativ maßstabsgetreu.“ Das Model zeigt den Grundriss einer Trainingshalle für die Sportart Parkour – eine Mischung aus Turnen und Artistik, bei der man spielerisch und möglichst effizient Hindernisse überwindet. Für Batte und seine Mitstreiter ist es der greifbare Teil ihrer Vision für den Oberhafen. Eine Halle, in der Kinder und Jugendliche ihren Bewegungsdrang ausleben können, aber auch Theaterabende und Konzerte stattfinden. Und bis zur geplanten Eröffnung sollen nur noch wenige Monate vergehen.

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Der Parkour-Verein „Parkour Creation e.V.“ wird voraussichtlich im Frühjahr in den vorderen Teil der Halle 4 ziehen.

Der Oberhafen ist derzeit eines der spannendsten Orte für Kulturschaffende in Hamburg. Während Kulturschaffende oftmals in die Peripherie gedrängt werden, entsteht hier ein Kreativquartier ganz in der Nähe des Stadtzentrums. Nahe den supermodernen Glasbauten der Hafencity und den historischen Deichtorhallen, heute ein Museum für Fotografie und internationale Kunst, liegt das rund 67.000 Quadratmeter große Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes. Vom Hauptbahnhof und aus der Innenstadt ist es nur einen kurzen Spaziergang entfernt. Drei lange Industriehallen ducken sich in eine Senke, am Eingang grüßt das Restaurant Oberhafenkantine aus einem auffällig schiefen Häuschen. Ab Mittag können Besucher dort unter anderem den typisch Hamburgischen Labskaus verkosten.

Anzugträger treffen auf Filmemacher

Gerade an schönen Tagen wird es im Oberhafen richtig voll: „Am besten erlebt man das, wenn es nicht so kalt ist wie heute“, sagt Batte und bläst nebelige Atemwolken in die Luft. Er läuft über das Kopfsteinpflaster und bleibt auf dem großen Vorplatz stehen, auf dem sich der Weg zu Halle 4, 3 und 2 gabelt. „Im Sommer ist hier schon richtig was los“, sagt Batte und entwirft mit wenigen Sätzen ein kleines Oberhafen-Diorama: Am Einlass der Halle 424 stehen dann Menschen im Anzug, um beim Feierabendkonzert Schostakowitschs Cellosonate zu lauschen. Gegenüber sammelt sich das jüngere Publikum zum Feierabendbier auf der Rampe vor der Hanseatischen Materialverwaltung, einem Fundus für Requisiten jeder Art, der zu allen Jahreszeiten zum Stöbern einlädt. In den Hallen arbeiten Tischler und Filmemacher in Co-Working-Spaces, nachts wummert elektronische Tanzmusik aus dem alternativen Club Moloch. Auf der Außenfläche hinter dem Club kann man sich in begrünten Hügeln aus Pappmaché verstecken oder die Füße im pinken Flamingo-Pool kühlen, während auf der benachbarten Bahntrasse die Schnellzüge vorbeirauschen. Die bekannte deutsche HipHop-Band Beginner drehte hier das Video zu ihrer Single „Ahnma“; Gast-Rapper Gzuz performte oberkörperfrei zwischen den Güterhallen.

Kreative aus dem Oberhafen

  • Oberhafen BiGa Johanna DE
  • Oberhafen BiGa Jean DE
  • Oberhafen BiGa Batte DE
  • Oberhafen BiGa Crischan DE
  • Oberhafen BiGa Marcel DE
  • Die Wohnberaterin Johanna Schultz freut sich darauf, mit ihrem Showroom in den vorderen Teil von Halle 4 zu ziehen und hofft auf mehr Laufkundschaft: „Mein Laden ist darauf ausgelegt, dass sich Galerien und Gastronomie ansiedeln."

  • Jean Rehders arbeitet seit 2014 für die Kreativgesellschaft Hamburg als Projektmanager und ist das Bindeglied zwischen Stadt und neuen Nutzern des Oberhafens.

  • „Im Sommer ist hier schon richtig was los“, sagt Sebastian Ploog vom Parkour-Verein „Parkour Creation e.V.“.

  • Christian Wehde ist Mitbetreiber der Filmfabrique in der alten Bahnmeisterei, einem Co-Working-Space für Filmemacher.

  • Der Bootsbauer und Tischlermeister Marcel Hahn betreibt zusammen mit zwei Freunden die Co-Working-Werkstatt Bauer + Planer.

Gefühlt steckt im Oberhafen gerade eine Menge Energie – dabei ist das Projekt alles andere als neu. Seit 2010 wird über die Umsetzung diskutiert, Konzepte zur Nutzung der Hallen wurden von einer Jury gesichtet und Projekte ausgewählt, die hier ein Zuhause finden sollen. Die Transformation des ehemaligen Güterbahnhofes in ein Kultur- und Kreativquartier ist ein städtisches Projekt – aber der Prozess braucht mehr Zeit als erwartet.

Einen guten Überblick kann Jean Rehders geben, der quasi das Bindeglied zwischen der Stadt und den neuen Nutzern bildet. Seit 2014 arbeitet er für die Kreativgesellschaft Hamburg als Projektmanager. Zusammen mit der HafenCity Hamburg GmbH realisiert das städtische Unternehmen die Umgestaltung des Oberhafens. Gleichzeitig könnte Jean mit seiner Wolljacke, dem Jeanshemd und der großen Brille auch einer der Kreativen sein, die hier wirken. Zur Mittagszeit sitzt er in der kleinen Küche Das Dinger, die sich in einem der Backsteingebäude auf dem Gelände befindet. Der Eingang ist mit bunten Fahnen geschmückt. Hier isst man gemeinsam an einer langen Holztafel. Heute gibt es Nudeln mit Rote Beete.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass das ein spannendes Quartier wird“, sagt Jean. „Wir sind hier im Herzen der Stadt, einen Steinwurf von großen Kunst- und Kultureinrichtungen entfernt. Außerdem hat der ehemalige Bahnhof den Charme eines alten Industrieareals. Das lässt viel Raum für Ideen.“ Und birgt gleichzeitig die ein oder andere Herausforderung: „Das Areal ist nicht hochwassergeschützt. Jeder muss damit rechnen, dass seine Halle irgendwann mit Wasser vollläuft“, so Jean. Zudem werden die Hallen im Zuge der Sanierungen nicht gedämmt. Die Kaltmiete liege dafür in den Hallen nicht höher als fünf Euro brutto pro Quadratmeter, sagt Jean. Das ist der Deal – und das Interesse ungebrochen groß.

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Im Fundus der "Hanseatischen Materialverwaltung" kann man alte Theater- oder Filmkulissen mieten oder kaufen.

„Im Frühjahr sollen die Arbeiten abgeschlossen sein“

Gerade wird der vordere Teil der Halle 4 saniert. „Wir sind im Oberhafen vorsichtig mit Prognosen aber im Frühjahr sollen die Arbeiten abgeschlossen sein“, sagt Jean. Dann ziehen dort die ersten Mieter ein, die bis dahin auf Ausweichflächen im Oberhafen gearbeitet haben. Dazu gehören auch Batte und der Parkour-Verein „Parkour Creation e.V.“. Parallel wird über die Zukunft der anderen Gebäude diskutiert. Die ursprünglichen Baupläne sahen einen Abriss des Gleisdachs vor, das Halle 2 und Halle 3 verbindet – eine neu gegründete Initiative wünscht sich einen Erhalt und hat auch eigene Nutzungsideen – vom Ganzjahresgarten über Gastronomie und Spielbereiche in alten Waggons.

Vorfreude und Frust liegen bei Planungsprozessen oft nahe beieinander. Das spürt auch die Wohnberaterin Johanna Schultz. Sie hat sich auf den Verkauf von Antiquitäten spezialisiert. Ihr Showroom ist bis an die Decke mit alten Leuchtreklamebuchstaben dekoriert. Reichlich Patina liegt auf einigen der bunten Stücke, die beispielsweise einmal den Namen eines Chinarestaurants bildeten. Noch ist Johanna Schultz im hintersten Endstück einer Halle untergebracht. Manchmal verirrt sich ein Vogel in das große Gebäude, sonst ist es eher ruhig. Wenn ihre Räume weiter vorn in der Halle 4 fertig saniert sind, hofft sie auf mehr Laufkundschaft. „Mein Laden ist darauf ausgelegt, dass sich Galerien und Gastronomie ansiedeln“, erklärt sie.

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„Wir brauchen viel Platz und wir haben Lust auf ein Viertel, in dem sich noch viel bewegt.“

Marcel Hahn, Co-Working-Werkstatt "Bauer + Planer"

Ein Viertel in dem sich noch viel bewegt

Nebenan betreibt der Bootsbauer und Tischlermeister Marcel Hahn zusammen mit zwei Freunden die Co-Working-Werkstatt Bauer + Planer. Hier können Designer, Tischler und junge Architekten ihre Pläne umsetzen. Die Werkstatt bietet alles, was das Tischlerherz begehrt. Gezahlt wird nach einem Ticketsystem. Vor sechs Monaten ist das Gestalter-Trio mit ihrem Betrieb aus dem Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg in den Oberhafen gezogen, nachdem ihr Konzept den Zuschlag erhielt. Marcel steht in Flanelljacke und blauer Arbeitshose an einem der Arbeitsplätze und zeigt in die Runde: „Wir brauchen viel Platz und wir haben Lust auf ein Viertel, in dem sich noch viel bewegt.“

Wenn er sich eine Zukunft für den Oberhafen aussuchen dürfte, dann würde sie dem Makerspace Artisan Asylum in Massachusetts ähneln. „Dort arbeiten Menschen in einem alten Warehouse an ihren eigenen Projekten, aber es bleiben immer Materialien, Kapazität und Wissen übrig, die für Gemeinschaftliches eingesetzt werden können. Beispielsweise entstehen dort einige der riesigen Installationen für das Burning Man Festival.“ Das könne auch hier in Hamburg funktionieren, findet Marcel.

#oberhafen

„Bitte auf dem Teppich bleiben“

Ebenfalls umgeben von bunten Visionen sitzt Christian Wehde, genannt Chrischan, auf seiner Couch und trinkt eine Cola. Er ist Mitbetreiber der Filmfabrique in der alten Bahnmeisterei, einem Co-Working-Space für Filmemacher. Kulturschaffende arbeiten hier neben Werbefilmern. Einige Folgen der bekannten deutschen Kult-Fernsehserie „Der Tatortreiniger“ wurden sogar in der Bürogemeinschaft produziert. Sein Blick fällt durch das große Fenster aus dem zweiten Stock über die Dächer der Hallen. Die Filmfabrique ist eine Begegnungsstätte – und wenn es nach Chrischan geht, dann soll der ganze Oberhafen dazu werden. Aber bitte nicht allzu fancy. „Ich wünsche mir, dass das Ganze hier auf dem Teppich bleibt. Wir wollen den Oberhafen liebevoll gestalten und nicht zu einem aufpolierten Diamanten machen.“ Sein Beitrag: Er hat auf dem Gelände einen Stock wilden Weins gepflanzt. Im Frühjahr sollen noch ein paar Pflanzen dazukommen. Auch eine Art von Wachstum im Oberhafen.