Die Welt spielt Hafen

Hamburg feiert "Theater der Welt 2017"

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Der Hamburger Hafen gilt als Herz der Hansestadt. Während des Festivals „Theater der Welt 2017“ wird er zum Spielplatz für internationale Künstler. Unsere Autorin Imke Wrage hat mit Kuratorin Sandra Küpper das Festivalzentrum am elbnahen Hafenbecken Baakenhöft besucht.

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Imke Wrage

Am liebsten schreibt Imke Wrage über Kunst, Literatur und Pop-Kultur. Ihr ständiger Begleiter: Ein Buch.

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Fotos: Torben Weiss

Die Nachmittagssonne spiegelt sich in den seichten Wellen der Elbe, als Kuratorin Sandra Küpper – 39, blond, großgewachsen – mit ihrem schwarzen Rollkoffer das Dorf betritt. Ab und zu donnert ein Mann im grünen Flanellhemd auf einem Gabelstapler vorbei. Ansonsten ist es noch ruhig in „Haven“ – so heißt das temporäre Dorf am ehemaligen Frachtterminal Baakenhöft im Hamburger Hafen, das in diesen Tagen als Festivalzentrum für „Theater der Welt 2017“ errichtet wird.

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Blick von einem Container auf das Thalia-Zelt: Spielstätten überall.

„Wir atmen noch einmal durch“, sagt Küpper und parkt den Koffer hinter einem riesigen Wasserkanister. Es sind die letzten Tage, bevor in dieser Woche ein unglaublicher Theaterfrühling beginnt. Das Festival „Theater der Welt 2017“ wird seit 1981 alle zwei bis drei Jahre in einer deutschen Großstadt ausgerichtet; zuletzt in Mannheim, jetzt in Hamburg. Zwei Jahre lang haben das traditionsreiche Thalia Theater und die progressive Hamburger Bühne Kampnagel am Festivalprogramm gearbeitet, 45 internationale Produktionen aus Tanz, Performance, Theater und Musik werden in den kommenden 18 Tagen in Hamburg zu sehen sein.

Die Crew kommt aus aller Welt

Sandra Küpper ist neben Joachim Lux, Amelie Deuflhard und András Siebold eine von vier Kuratoren des Festivals. Für das Dramaturgiestudium nach Hamburg gekommen, lebt die Thalia-Dramaturgin und gebürtige Rheinländerin heute in Eimsbüttel. Das übergeordnete Thema von „Theater der Welt 2017“ war für das Viererkuratorium schnell klar, sagt sie und lässt den Blick über die Weite der Elbe schweifen. „Was wäre in Hamburg naheliegender als der Hafen?“

An einer Holzhütte am Rande des Dorfplatzes wird gehämmert, gesägt und gemalt. Es ist eine bunt gemischte Crew – Künstler aus aller Welt, Handwerker, Hamburgerinnen und Hamburger aus der Kulturszene, die mit anfassen oder eigene Ideen verwirklichen. Rudolfo Fuentes-Perry ist Schreiner und baut ein vom argentinischen Künstler Fernando Rubio entworfenes Holzhaus. Gerade lässt ein weißhaariger Mann, 86, in dunkelblauer Anzughose und farbbespritztem Hemd seinen ölgetränkten Pinsel Brett für Brett über das Holz gleiten – es ist Fuentes-Perrys Vater, wie sich herausstellt. Die Hütte direkt am Elbufer wird für fünf Tage das Zuhause des Schauspielers Christoph Finger, er wird dort schlafen, aufs Wasser schauen und mit Besuchern in Austausch treten. „The time between us“ nennt sich die von Rubio entwickelte Performance.

Umschauen am Baakenhöft

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  • Die Hütte direkt am Elbufer wird für fünf Tage das Zuhause des Schauspielers Christoph Finger. Er wird dort schlafen, aufs Wasser schauen und mit Besuchern in Austausch treten.

  • Künstler Fernando Rubio: Der Argentinier hat das Holzhaus entworfen, er nennt die Performance „The time between us“. Zuvor stand die Hütte in Singapur und Santiago de Chile.

  • Perry senior streicht das Holz mit Nussöl. Eine Latte nach der anderen.

  • Der 86-jährige Chilene hilft seinem Sohn, der Schreiner ist.

  • Bis 2014 Kakaospeicher, für die kommenden Wochen Theaterfestival.

  • Thomas Gaedke wird die "Theater der Welt"-Gäste mit selbstgeschmierten Stullen versorgen.

  • Das Holz für seinen Stand hat er mit einem Gummiboot aus der Elbe gefischt.

  • Thomas Gaedkes eigentlicher Job: Tapetendesigner.

  • Sein Imbiss-Motto: „Immer an besonderen Orten und nur wenn wir Lust haben, alles handwerklich und selbstgemacht und regional besorgt“.

  • "Theater der Welt 2017" findet bis zum 11. Juni statt.

Nebenan werkeln Bauarbeiter an einer Bar und einem Kiosk, errichten offene Kücheneinheiten und ein großes Wohnzimmer, das Foyer. Nur Wände baut hier niemand, stattdessen trennen durchsichtige Planen die Räume – ein wenig kommt man sich vor wie im Gewächshaus. „Aus jedem Winkel des Dorfplatzes wollen wir den Hafen sichtbar machen“, sagt Küpper.

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Wände gibt es in „Haven“ keine, stattdessen trennen durchsichtige Planen die Räume.

Spielstätten in der ganzen Stadt

Kurze Zeit später betritt sie das Herzstück des Festivals, das ehemalige Afrika Terminal. Bis 2014 wurde die 9000 Quadratmeter große Halle für die Lagerung von losem Rohkakao genutzt, seitdem liegt sie brach. Nun wird der Speicher für „Theater der Welt 2017“ erstmals öffentlich zugänglich und Schauplatz für die Eröffnungsproduktion „Children of Gods“, eine Musikperformance des neuseeländischen Regisseurs Lemi Ponifasio über Flucht und Migration aus der Perspektive von Kindern. Mehr als 300 Darsteller sind an dem Communityprojekt beteiligt.

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Sandra Küpper im ehemaligen Kakaospeicher, dem Herzstück des Festivals.

Gemeinschaft spielt eine große Rolle bei der Planung der Theatermacher – weshalb sich „Theater der Welt 2017“ laut Kuratorin Sandra Küpper neben dem Baakenhöft, dem Thalia Theater und der Spielstätte auf Kampnagel an weiteren wassernahen Spielstätten in ganz Hamburg ausfaltet. In der Elbphilharmonie interpretiert die katalanische Theatergruppe „La Fura dels Baus“ Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ – eine ihrer spektakulärsten Inszenierungen eröffnete schon die Olympischen Spiele in Barcelona.

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Das Baakenhöft in der HafenCity ist der nördliche Kai der Landzungenspitze im Baakenhafen, seit 1998 ist der Baakenhafen Teil des Projekts HafenCity. In der Ferne: die Elbphilharmonie. Dort wird "La Fura dels Baus" Haydn "Schöpfung" interpretieren.

Im Oberhafenquartier interpretiert die niederländische Schauspiel-Gruppe „Wunderbaum“ einen Kreuzfahrt-Roman von David Foster Wallace, die performative Installation „Sanctuary“ des südafrikanischen Künstler Bret Bailey beschäftigt sich mit Fragen von Rassismus und Postkolonialismus. Auf dem Gemeinschaftsschiff Bagalute wird Hausbootbau gelehrt, den früheren DDR-Kühlfrachter MS Stubnitz verwandelt eine Künstlergruppe für die Dauer des Festivals in einen Spielplatz für Gedanken rund um das Konstrukt „Hafen“.

Prototypen für neue Ideen im Hafen

Einigen der Festival-Akteure geht es dabei um noch mehr als den Festivalfrühling – die Mitglieder des Künstlerkollektivs „geheimagentur“ würden am liebsten aus „Haven“ einen dauerhaften Ort machen. „Wir würden uns wünschen, dass hier am Baakenhöft – in der Nähe der HafenCity – eine öffentlichen Fläche entsteht“, sagt eine Repräsentantin der geheimagentur, die immer als Kollektiv auftritt, also ohne einzelne Personen zu nennen. Sie möchten das Areal mit Blick auf den kolonialgeschichtlichen Hintergrund als ursprünglichen Afrika Terminal erhalten und kulturell bespielen. Durch das Festival „Theater der Welt 2017“ könne man nun ein erstes Fenster hin zur langfristigen Nutzung öffnen. „Wir erzeugen eine Welle und entweder werden wir getragen, oder wir werden an Land gespült.“

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Ehemaliger DDR-Kühlfrachter MS Stubnitz: Eine von vielen Spielstätten überall in Hamburg.

„Haven ist für uns ein Prototyp für Ideen und Formate, die anders auf den Hafen blicken“, sagt auch Sandra Küpper am Ende ihrer Baustellen-Runde. Dann greift sie nach dem Rollkoffer und winkt zum Abschied – auch an den anderen Spielstätten ist noch viel zu tun. Doch schon morgen kommt sie wieder. Denn dann wird das bunte Dorf an der Elbspitze des Baakenhöft für 18 Tage lang ihr Zuhause.

Mehr Infos über das Festival “Theater der Welt 2017” findest du hier
www.theaterderwelt.de

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