Die Wesen der Frau Noltensmeyer

Werkstattbesuch am Thalia Theater

Thalia Theater KK Titel

In ihrer Werkstatt erschafft Kostümmalerin Klaudia Noltensmeyer gruselige, lustige und ganz zauberhafte Wesen. Unsere Autorin Lisa-Marie Eckardt hat sie in der Wunderkammer am Hamburger Thalia Theater besucht.

Autor

Lisa-Marie Eckardt

Lisa-Marie Eckardt reist gern durch die ganze Welt und schreibt darüber. Doch am Ende kommt sie immer wieder nach Hamburg zurück.

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Das Alien ist noch in der Entstehung. Ein hauchdünnes Trikot mit überdimensionalen Schulterpolstern, das auf einem Kleiderbügel baumelt. Klaudia Noltensmeyer setzt die blaue Atemschutzmaske ab und streift die Gummihandschuhe von den Händen. Dann fährt sie prüfend über den grün lackierten Stoff: „Wie schön es geworden ist!“

Aus der „Saukammer“ – so nennt sie den Airbrush-Raum – führt sie mich in ihre Werkstatt. Hinter Farbdosen, Mischgläsern und Pinseln nimmt die 61-Jährige Platz, streicht den farbbeklecksten Kittel glatt und eine kinnlange, graue Strähne hinter das Ohr. Meinen Besuch will sie als Verschnaufpause nutzen, denn Zeit zum Durchatmen bleibt ihr heute kaum. „Das ist Millimeterarbeit – die Farbe muss punktgenau an die richtigen Stellen. Und es gibt keine Korrekturmöglichkeiten.“

„Theater ist ja immer der reine Wahnsinn“

Was gute Kostümmaler ausmacht, ist vor allem ihr Gespür für Farbe, erklärt sie. „Ich muss genau wissen, wie die Farbe im Scheinwerferlicht wirkt. Weil das Licht so viel Macht hat.“ Früher sei sie zu jeder Probe gegangen, um das zu überprüfen. Mittlerweile könne sie genau abschätzen, wie sich Stoffe und Farben im Bühnenlicht verändern.

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Das Große Haus am Alstertor in der Altstadt wurde 1843 errichtet und fasst rund 1000 Zuschauer.

In einer Woche ist Premiere für das Stück „Schere, Faust, Papier“, in dem auch die frisch gespritzten Aliens eine Rolle spielen. Alles ziemlich knapp, und dann geht auch noch eine Grippe um – wobei sich Klaudia Noltensmeyer weniger um sich selbst, als um den Kostümbildner der Inszenierung sorgt: „Wenn der krank wird, das wäre die Katastrophe!“, ruft sie und fasst sich theatralisch an die Wangen. Dann fügt sie lachend hinzu: „Aber Theater ist ja immer der reine Wahnsinn.“

In all dem Trubel sind Klaudia Noltensmeyer und ihre Werkstatt eine Konstante. Seit mehr als 30 Jahren ist die Kostümmalerin am Thalia Theater angestellt, hat schon mehrere Intendanten kommen und gehen gesehen. Wenn ein Stück längst nicht mehr gezeigt wird, die Regisseure und Kostümbildner weitergezogen und andere Schauspieler engagiert sind, scheinen die Figuren hier in ihrer Wunderkammer weiterzuleben. Die Wände der Werkstatt sind vollgehängt mit Postkarten, Fotos und Zeichnungen.

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Sammelsurium an Kuriositäten: Die Kostümmalerin arbeitet seit über 30 Jahren in der Theater-Werkstatt.

Wie in Italien auf dem Weg zur Oper

Auf einer der Karten ist ein großer weißer Kasten zu sehen, dahinter der Kölner Dom. „Das ist die Kölner Oper. Dort habe ich zehn Jahre gearbeitet, bis mich das Thalia abgeworben hat“, erinnert sich die gebürtige Kölnerin. Eigentlich wollte sie selbst Kostümbildnerin werden. Doch vor der Ausbildung musste sie ein Praktikum machen. So landete sie durch Zufall bei der Kostümmalerei. „Mein Glück“, weiß sie heute. Denn die überwiegend freiberuflichen Kostümbildner kommen und gehen mit den Regisseuren. „Ich kann hier in Hamburg in meiner Werkstatt bleiben.“

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"Die Farbe muss punktgenau an die richtigen Stellen. Und es gibt keine Korrekturmöglichkeiten.“

Klaudia Noltensmeyer

Neben der Postkarte hängt das Rheinische Grundgesetz. Artikel 3: Et hätt noch emmer joot jejange – das gilt als allgemeine Theater-Regel, aber auch für Klaudia Noltensmeyers Entscheidung für Hamburg. „Mein Gott, der schönste Arbeitsplatz mit so einem Revier drum herum. In meiner Pause gehe ich gern zur Alster oder die Colonnaden entlang. Dann fühle ich mich wie in Italien auf dem Weg zur Oper.“ Auch den Moment, als sie das Foyer des Thalia Theaters zum ersten Mal betrat, hat sie noch genau vor Augen: „Das war für mich so ergreifend. Wie in einem Thomas-Mann-Roman. So habe ich mir Norddeutschland immer vorgestellt. So hanseatisch, so bürgerlich.“

Konventionell sei das Thalia deshalb noch lange nicht. „Wir machen auch viel Experimentelles“, sagt Klaudia Noltensmeyer. Wie die Kostüme für eine Aufführung von Kleists „Penthesilea“. „Davon erzählen die Leute heute noch!“ Mit Theaterblut färbte sie das Kleid der Amazonenkönigin und das Hemd des Achill. Als es auf der Bühne zum Liebeskampf kam, beschütteten sich die Schauspieler mit eimerweise Wasser. „Das getrocknete Blut lief ihnen dann so an den Beinen hinunter“, erzählt die Kostümmalerin voller Begeisterung und deutet auf das entsprechende Bild an ihrer Wand. „Oh, das war atemberaubend!“

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Früher ging Noltensmeyer zu jeder Probe, um zu überprüfen, wie die Farben im Licht wirken. Mittlerweile kann sie das genau abschätzen.

Wenn etwas schiefgeht, läuft am Ende alles gut

Aufregend seien auch die Fatsuits für eine Aufführung von Kafkas „Das Schloss“ gewesen. Dafür färbte sie 40 Meter Stoff und spritzte darauf deformierte Körperstrukturen, die sie zum Schluss noch patinierte – also künstlich altern ließ. Ein anderes Mal musste sie aus der freien Hand Nadelsteifen auf einen Anzug malen. Auch daran erinnert eine Zeichnung an der Werkstattwand.

Jetzt aber zurück zum Tagesgeschäft: Eine Kollegin holt den frisch lackierten Alien zur Anprobe ab. Wenige Minuten später drückt sie Klaudia Noltensmeyer das Kostüm wieder in die Hand. „Sieht super aus.“ – „Oh, wie schön. Schlag ein!“, sagt die Kostümmalerin erleichtert. Es klatscht. Dann huscht die Kollegin zurück in die Maske.

Das Schwierige an den Aliens seien die Strukturen und Körpermerkmale, erklärt Klaudia Noltensmeyer – darüber habe sie lange mit dem Kostümbildner diskutiert. „Wir machen es jetzt genau gegensätzlich zur menschlichen Anatomie – sind ja schließlich Aliens.“

Dann verschwindet sie wieder in ihrer „Saukammer“. Der erste Alien ist fertig. Vier weitere muss sie noch besprühen. Sie setzt die Atemschutzmaske auf und testet die Spritzpistole. Als sie den Knopf drückt, kommt ein Sprühfilm aus der Düse geschossen und trifft einen Kollegen im Gesicht. „Hoppla, das ist jetzt zum Glück nur Wasser“, sagt Klaudia Noltensmeyer lachend. Vielleicht ist es wie mit der Probe auf der Bühne: Wenn was schiefgeht, läuft am Ende alles gut. Artikel 3: Et hätt noch emmer joot jejange.

Alle Vorstellungen und den Spielplan gibt es hier
www.thalia-theater.de

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