Winterbasar am Oberhafen

Hallen, die die Welt bedeuten

In der Hanseatischen Materialverwaltung finden Kreative Kulissen, Licht und riesige Pappmaché-Nasen – zu niedrigen Verleihpreisen. In der Vorweihnachtszeit verwandelt sich der Fundus für ein paar Tage in einen Adventsbasar. Dass einem an Wintertagen schon mal die eigene Nase einfriert, nehmen die Macherinnen und Macher dafür in Kauf. Unsere Autorin Myriam Salome Apke hat die Vorbereitungen zum Weihnachtsbasar besucht.

Autor

Myriam Salome Apke

Am liebsten schreibt Myriam Geschichten vor Ort, über Menschen und was sie bewegt. Egal ob für Radio Bremen oder die ZEIT.

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Fotos: Roeler

Unter Petra Sommers dicker Jacke lugt ein Schal hervor, sie trägt darunter einen grünen Jogginganzug, Stulpen ragen aus den Stiefeln und ein Halstuch ist um ihre Haare geschlungen. Draußen legt sich Frost auf’s Kopfsteinpflaster und auch drinnen, im „Sahnestück“, friert der Atem vor dem Mund zu kleinen Wölkchen. Eine Heizung gibt es in der Lagerhalle an Hamburgs Oberhafen nicht. Auch kein fließendes Wasser. Nur in einem kleinen Verschlag kann man sich aufwärmen. Warum Petra und ihre Kolleginnen ihre Halle trotzdem mit zärtlicher Kuchenmetaphorik belegen? „Wir haben das alles hier in unser Herz geschlossen und bekommen für das, was wir tun auch viel Aufmerksamkeit“.

Das Sahnestück ist eine von zwei Hallenabschnitten, in denen seit 2013 die Hanseatische Materialverwaltung zu Hause ist – von Kennern und Künstlern liebevoll „Hansematz“ genannt. Hinter eisernen Rolltoren verbirgt sich eine Welt, die den üblichen Regeln trotzt. Auf über 1000 Quadratmetern lagern unter anderem der Bug eines Segelschiffes, Sitzball-große Früchte aus Pappmaché, meterhohe künstliche Kakteen, Stoff-Quallen, Großmutterlampen und ein paar Dutzend ausgemusterter Stoffsofas.

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Alles steht zum Verleih, einiges auch zum Verkauf. An fünf Tagen in der Woche kann man hier stöbern, sei es für das Kinder-Kabarett, die Firmenfeier oder die private Party. Die Hansematz ist Hamburgs Fundus für alle, vor allem aber für jene, die nur wenig Geld für die Umsetzung ihrer Kunst- und Kulturprojekte haben.

Ein Ort für kreative Köpfe – und gegen die Verschwendung

Ausgangspunkt für die Gründung der Hansematz war aber ein anderer: Petra ist gelernte Ausstatterin und hat in der Film- und Werbebranche in Hamburg gearbeitet – oft genug habe sie erlebt, dass Materialien nach einmaliger Benutzung aus Zeit- und Platzmangel weggeschmissen wurden. „Das ist eine große Verschwendung und dramatisch für die Umwelt“, sagt sie. Die Idee für den Fundus entstand 2012: Petra traf Jens Gottschau, einen Hamburger Künstler, der für seine Arbeit immer auf der Suche nach neuen und günstigen Materialien war. Seine Idee: Es müsste einen Ort geben, an dem alles zu finden ist, was der kreative Kopf benötigt.

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Zu dieser Zeit hatte die Stadt Hamburg gerade ein Bewerbungsverfahren für die Flächen am Oberhafen gestartet. Der ehemalige Güterbahnhof, der zwischen Hauptbahnhof und Elbe liegt, sollte sich vom Logistik- zum Kreativquartier entwickeln. Innerhalb von zehn Tagen erarbeiteten die beiden einen Businessplan und bewarben sich mit ihrem Konzept für den Fundus. „Jens und ich kannten uns nicht, wir hatten nur zufällig dieselbe Idee und diese wurde dann aus 25 anderen Vorschlägen ausgewählt“, sagt Petra.

Das Startkapital erhielten die Gründer zu gleichen Teilen von der Kreativgesellschaft, der Hamburg City GmbH, der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt sowie der Kulturbehörde. Über Monate arbeiteten Gründer und Helfer ehrenamtlich für das Projekt, schossen sogar noch Privatvermögen zu, damit das Unternehmen gelang. Später erhielten sie durch Crowdfunding Geld. Im Moment halten sie sich mit einer Mischkalkulation aus Vermietung und Verkäufen aus dem Fundus sowie Spenden über Wasser. Außerdem bieten sie Kunden die Location für Events oder Shootings an.

Zur Weihnachtszeit geht es in den Hallen besonders geschäftig zu. Kunden stöbern in den Hochregalen, parallel bereitet sich die Hansematz auf den alljährlichen Weihnachtsbasar vor – ein Flohmarkt und ein rauschendes Fest in einem. Dafür wird unter anderem beim Nachbarn bauer+planer eine riesige Schneekugel aufgebaut, in der es pausenlos rieselt, ein DJ auflegt und die Besucher bis zum Schluss tanzen können.

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„Wir sind hier eine so eine tolle Bande und alle sind mit dem Herzen dabei.“

Fünf Festangestellte und fünf freiwillige Mitarbeiter sind tagtäglich damit beschäftigt auszuleihen, anzunehmen, Angebote zu machen, die Räumlichkeiten für Fremdveranstaltungen herzurichten oder eigene Events wie den Winterbasar zu planen. Ein großer Aufwand, oft verbunden mit körperlich harter Arbeit. „Manchmal wünsche ich mir, wie ganz früher Mandeln auf dem Dom zu verkaufen… eine einfache angenehme Tätigkeit, und damals verdiente ich genauso viel, wie jetzt hier“, sagt Petra lächelnd. „Aber wir sind hier eine so eine tolle Bande und alle sind mit dem Herzen dabei.“ Wegen des Geldes arbeitet keiner im Fundus, denn viel bekommen die Helfer nicht. „Wir sind arm, das muss man so sagen. Aber bisher hatten wir Glück und es ging immer irgendwie weiter.“

Plötzlich wird es laut: Manu, eine der Mitarbeiterinnen, schiebt blaue Metallgeländer durch die Halle. Die Hamburger Staatsoper hat sie der Hansematz abgekauft und lässt die Geländer nun abholen – wobei keiner so genau weiß, was die Oper damit vorhat. Kuriose Anfragen sind Alltag im Fundus: Haben Sie Raumfahrtanzüge? Kann ich bei Ihnen eine Skigondel mit den exakten Maßen 3,70 mal 2,50 Meter bekommen? Haben Sie ein großes Buch? Große Bücher sind da, die Skigondel nicht.

„Absolute Dauerbrenner sind maritime Sachen und Oma-Stehlampen“, sagt Petra. Davon gibt es viele. Außerdem Kronleuchter, Discokugeln, Schreibmaschinen und sogar die einzelnen Buchstaben einer gelben Leuchtreklame. Liest man sie in der richtigen Reihenfolge, ergibt sich das Wort „Chinarestaurant“. An keinem der Exponate stehen Preise. Wer etwas ausleihen oder kaufen will, muss die Mitarbeiter fragen. Die bestimmen den Preis nach der Faustregel: Je gemeinnütziger das Projekt, desto geringer die Kosten. Pauschalen oder Mindestpreise gibt es nicht.

Im Sahnestück schraubt Mitgründer Jens die Theke für den Glühweinausschank zusammen, die beim Winterbasar auf der Terrasse stehen wird. „Es ist jedes Jahr eine Herausforderung, das Lager zu einem Showroom zu machen“, sagt er und atmet ein paar neue Wölkchen in die Kälte. „Es soll ja immer noch hübscher, noch magischer werden.“ Und für die Weihnachtsgäste gibt es dann auch einen besonderen Service: Eine Heizung.

Weitere Fundus-Infos bekommt ihr hier
www.hanseatische-materialverwaltung.de

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