Die Ente in uns

Matschiger Wettkampf im Wattenmeer

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Bei der „Wattolümpiade“ in Brunsbüttel stürzen sich jedes Jahr Hunderte Freizeitsportler in den Elbschlick. Unsere Autorin Imke Wrage war mittendrin - und hat im schlammigen Schlachtfeld nach dem Urvieh im Stadtmenschen gegraben.

Autor

Imke Wrage

Am liebsten schreibt Imke Wrage über Kunst, Literatur und Pop-Kultur. Ihr ständiger Begleiter: Ein Buch.

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Fotos: Roeler

Am Anfang mischt sich Vorfreude mit ein bisschen Ekel. Es schüttelt mich, als das erste Mal der Schlamm in die aufgeweichten Stoffschuhe schwappt und kühl durch die Zehen glitscht. Zähne zusammenbeißen. Du bist eine Ente. Und Enten kennen keinen Schmerz – oder zumindest keine Angst vor matschigem Wattboden. Die anderen im Team haben weniger Hemmungen. Christin steht schon bis zu den Knien im Schlamm, die Haare bedeckt von einer gelben Badekappe. Rebeccas Gesicht ist schon vor dem Anpfiff wattbesprenkelt. Mit einem leisen „Plop“ ziehe ich den rechten Schuh aus der schweren Masse, stakse unbeholfen die Seitenlinie entlang. Und frage mich ernsthaft, ob das alles eine gute Idee war.

Der Plan war folgender: Ein Samstagsausflug in die menschliche Vergangenheit, in die Zeit, in der wir noch als Jäger und Sammler um das tägliche Überleben rangen. Damals schlief man auf den Fellen von Tieren, die man erlegt hatte, und man rieb sich mit Dreck ein, um nicht vom Bären gerochen zu werden. Die Light-Fassung dieses Überlebenskampfes, so die Idee, heißt Wattolümpiade. Städter aus der Hamburger Metropolregion, dem Rest Deutschlands und den angrenzenden Nachbarländern ringen im Matsch des Wattenmeers um „olümpisches Edelmetall“ und messen sich in Disziplinen wie Handball, „Wolliball“ und Schlickschlittenrennen. Die Erlöse werden traditionell der schleswig-holsteinischen Krebsgesellschaft gespendet. Die perfekte Kombination also: Urzeitkampf im weichen Schlamm, ohne Verletzungsgefahr und für den guten Zweck.

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Entenparade im Nieselregen

Es beginnt auch alles ganz beschaulich: Eine Siedlung am Stadtrand Brunsbüttels, in der ein Einfamilienhaus dem anderen gleicht. Ab und zu fährt ein Auto vorbei, ansonsten ist bei leichtem Nieselregen außer mir nur ein grauhaariger Dackelbesitzer unterwegs. Aus einem der Häuser schallt dumpfes Stimmengewirr. Hier treffe ich auf mein Team „Die Enten“, das sich gerade mit einem ausgiebigen Frühstück für die Wettkämpfe stärkt. Die Enten, das sind die dreißigjährige Hamburgerin Christin Riethmüller und ihre elf Mannschaftskolleginnen aus Rostock, Bremen und Brunsbüttel – bei letzteren sind wir gerade zu Gast.

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Die Enten auf dem Weg zum Ringen im Matsch des Wattenmeers.

Flucht aus der Großstadt

Christin trägt die langen, braunen Haare zum Zopf gebunden, das gelbe T-Shirt hat sie mit Sprüchen bemalt. Darunter lugen an den Armen kleine Tätowierungen hervor. In Hamburg lebt sie in einer berufstätigen-WG in Hammerbrook: „Von neun bis 16 Uhr arbeite ich als Umschulungskoordinatorin in einem Hamburger Institut für berufliche Weiterbildung, danach treffe ich Freunde, gehe auf Konzerte oder plane die nächste Reise“, erzählt sie. Ganz normales Großstadtleben also – nur einen Schritt hat sie mir voraus: Sie ist Wattolümpiaden-Veteranin, zum achten Mal dabei, und deshalb genau die richtige, um mich als Neuling unter die Entenflügel zu nehmen. „Das ist einer der schönsten Tage im Jahr“, sagt Christin. Wir werden sehen.

Nur zwei Stunden später ist mein Gesicht mit Glitzer übersäht, ich trage ein gelbes T-Shirt und auf der Nase sitzt ein kleiner Entenschnabel aus Plastik. „Wo sind die Enten?“, brüllt Christin in die Runde. „Hier sind die Enten“, schallt es zurück. Etwas kleinlaut versuche ich in die Schlachtrufe einzusteigen – mir fehlt noch das richtiges Timing. Der Regen prasselt auf das Dach des Shuttle-Busses, der uns zum Elbdeich Soesmenhusen bringt. Dort angekommen erstreckt sich vor unseren Augen die knapp drei Kilometer breite Elbe. „Allein für den Ausblick lohnt sich die Anreise“, sagt Christin. Nahe der Elbmündung gelegen fahren die dicken Pötte aus aller Welt vorbei. 200 Meter weiter grasen die Schafe auf dem Deich, daneben drehen sich sachte sechs Windräder.

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Städter aus der Hamburger Metropolregion, dem Rest Deutschlands und den angrenzenden Nachbarländern ringen im Matsch des Wattenmeers um „olümpisches Edelmetall“ und messen sich in Disziplinen wie Handball, „Wolliball“ und Schlickschlittenrennen

Die Wettkampfarena füllt sich mit Schlamm

„Du schau mal Gerda, da ist eine von den verrückten Enten“, höre ich einen bärtigen, hochgewachsenen Mann sagen, als ich allein über den Deich streife, um mich ein wenig umzuschauen. Erst einen Moment später wird mir bewusst, dass er mich meint. Ich sollte mich langsam an den Gedanken gewöhnen: Ich bin eine Ente. Und die scheinen hier bekannt zu sein.

Am frühen Nachmittag füllt sich die „Wattkampfarena“ unter dem Deich und die Flut gibt langsam den Meeresboden frei. Mehrere Tausend Besucher reisen jedes Jahr an. Pünktlich zum Beginn der Schlammschlacht kommt die Sonne hervor. Die Enten machen sich für das „Wolliball“-Match gegen Team „Treibsand“ bereit, eine Gruppe junger Männer in Piratenkostümen. Kurz vor dem Spiel zieht Christin die löchrigen Sportschuhe an und umwickelt sie mit Klebeband, damit sie später nicht stecken bleiben. Ich zögere kurz und tape mir dann auch die Schuhe fest. Kurz darauf stürzt sich eine Gruppe schreiender Enten das steinige Ufer hinab in den Matsch.

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Die elf Enten kommen aus Hamburg, Rostock, Bremen und Brunsbüttel.

Zugegeben: Ganz wohl ist mir nicht. Ich denke noch an Steckenbleiben und im Hinterkopf steigen Versagensängste aus dem Sportunterricht hoch – was, wenn ich den Ball nicht treffe und den Enten ihr Spiel vermiese? Aber für’s Nachdenken bleibt kaum Zeit. Ein Tuten dröhnt durch die Lautsprecher, dann pfeift der Schiedsrichter an. Aufschlag der Gegner: Ein Mittzwanziger mit breiten Schultern schlägt den Ball übers Netz. Christin erreicht ihn als Erste und baggert ihn mit anschließendem Bauchklatscher zurück ins gegnerische Feld. Der Matsch spritzt in alle Richtungen. Punktlandung, eins zu null. „Nag, Nag, Nag“, grölen die Enten vom Spielfeldrand. Christin steht auf, wischt sich den Schlamm aus dem Gesicht und jeder watet zur nächsten Position. Ich habe mich kaum bewegt, und trotzdem habe ich Wattspritzer auf dem T-Shirt, in den Haaren, auf den Wangen.

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„Sieben Minuten Schlamm sind wie sieben Tage Urlaub“, sagt Christin und lacht.

Kampf im Schlamm

Dann der erste Aufschlag der Enten, Rebecca ist dran. Nur langsam kommt sie voran, dabei muss es eigentlich schnell gehen: Nach vier Stunden kehrt die Flut zurück und das Spektakel ist wieder vorbei. Deshalb dauert ein Spiel nur sieben Minuten und wer verliert, scheidet aus. „Alles fertig machen zum entern“, schreit Rebecca, richtet die gelbe Badekappe aus und wirft die Modderkugel in die Luft. Mit einem schmatzenden Geräusch landet der Ball im Aus. „Enten mögen wir nur süß-sauer“ witzeln die Gegner und stimmen in Freudengesänge ein.

Fünf Minuten später spielt Grau gegen Grau. Die Kostüme lassen sich nur noch erahnen, die Gesichter sind verschmiert und die Körper teils bis zur Hüfte eingesunken. Aber das stört schon lange niemanden mehr. Ich kämpfe mich durch den Schlamm und ertappe mich dabei, wie ich mitgröle, wenn jemand mit dem Oberkörper im Matsch versinkt. Die letzte Spielminute läuft. Neun zu neun, wer den nächsten Punkt macht, gewinnt. An der Außenlinie stellt sich Anna zum Aufschlag bereit und wuchtet den Ball über das Netz. In hohem Bogen fliegt er in eine freie gegnerische Ecke. Unter den Enten bricht schon Jubel aus, doch in letzter Sekunde erreicht ein schlammiger Gegnerarm den Ball. Der fliegt knapp über das Netz und landet auf Entenseite. Der Schiedsrichter pfeift ab, Team „Treibsand“ gewinnt.

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"Enten mögen wir nur süß-sauer."

Nach nur sieben Minuten auf dem Spielfeld ist mein Samstagausflug in die menschliche Vergangenheit beendet – und die Wattolümpiade für mein Team. Die übrigen Spiele verfolgen die Enten mit Familie und Freunden als Zuschauer vom trockenen Deich aus. Wirklich enttäuscht ist trotzdem niemand. „Denn sieben Minuten Schlamm sind wie sieben Tage Urlaub“, sagt Christin und lacht. Meine Gedanken wandern gerade eher in Richtung heiße Dusche. Aber vorher noch einen letzten Bauchklatscher – es steckt doch in jedem von uns eine Ente.

Wattolümpiade Brunsbüttel
www.wattoluempia.de

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