Musiker Fayzen: Von der Straßenecke aufs Szene-Festival

Mit Schwermut und Sonne im Kopf

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Fayzens Geschichte ist eine, die Künstler glauben lässt. An echte Arbeit mit Schweiß und Zweifeln und daran, dass man es auf die harte Tour schaffen kann. Jahrelang verdiente der Hamburger sein Geld als Straßenmusiker in den Einkaufsmeilen der Stadt. Heute hat er einen Platten-Deal bei Universal Music und steht beim Reeperbahn-Festival zwischen internationalen Hochkarätern auf der Bühne. Unsere Autorin Anne Kleinfeld hat Fayzen dabei begleitet – und einiges über Willen und Hoffnung gelernt.

Autor

Anne Kleinfeld

Anne mag Sachen mit Witz, Musik und Liebe und ist von menschlichen Eigenarten fasziniert. Am besten schreibt sie spät abends mit einer sonderbaren Katze auf dem Schoß.

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Fotos: Roeler

„Die ist so derbe, setz die mal auf!“. Wir treffen Fayzen unmittelbar nach seinem kleinen Warm-up-Konzert auf dem Spielbudenplatz an der Reeperbahn und sprechen zuallererst über seine Brille. Sie ist nicht nur groß und sehr orange, sondern kann auch richtig was. „Die macht direkt Sonne im Kopf“, sagt er mit lachenden Augen, „guck dir mal den Himmel an“.

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Nur mit seiner Gitarre spielt Fayzen vorab drei Songs im Reeperbus auf dem Spielbudenplatz.

Gerade hat er bei bestem Septemberwetter und mit Live-Übertragung ins Radio eine Kostprobe dessen abgegeben, was die Besucher des Reeperbahnfestivals später am Abend im Gruenspan erwartet: ein Mix aus Sprechgesang und Songwriter-Pop, schöne und schwere Gefühle, Hoffnung und Melancholie, Suchen und Finden, verpackt in dicht gereimte deutsche Zeilen mit sanftem, melodischem Klang. In dem traditionsreichen Musikclub am Ende der Großen Freiheit haben schon Giganten wie Jack Johnson, Bryan Adams oder die Pet Shop Boys gespielt. Später am Abend wird Fayzen hier mit voller Bandbesetzung auf der Bühne stehen. Als Hamburger Newcomer, der eigentlich gar keiner ist.

Auf einmal angekommen

Fayzen hat Hunger und so machen wir uns zwischen seinen beiden Shows zu Fuß auf den Weg, um abseits des Festivalrummels etwas Essbares zu finden. Seit 2006 zieht das größte europäische Clubfestival jährlich unzählige Bands und Musikliebhaber auf die Hamburger Vergnügungsmeile und in die Konzert-Locations um sie herum. Für St. Pauli bedeutet das auch diesmal: vier Tage kreativer Ausnahmezustand mit genreübergreifender Live-Musik, Kunstausstellungen und Fachkonferenzen der internationalen Musikwirtschaft. Knapp 500 Programmpunkte stehen auf dem Plan. Für Farsad Zoroofchi alias Fayzen, wie er schon damals am Gymnasium in Hamburg Schnelsen genannt wurde, bedeutet es 2017 eine Premiere.

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„Ich weiß gar nicht, was ein Hit ist“

Es ist das erste Mal, dass der Hamburger Jung mit iranischen Wurzeln das Festival aus der Bühnenperspektive erlebt. „Ich war immer far away davon, hier zu spielen“, sagt er, manövriert seinen Gitarrenkoffer durch eine Seitenstraße und schiebt mit der freien Hand ein paar abstehende schwarze Haarsträhnen an ihren Platz. „Aber dass ich dann auch noch einen der besten Slots am Samstagabend bekomme, das ist schon krass. Da haben schon echt große Künstler gespielt.“
Obwohl er mittlerweile bei einem Major-Label unterschrieben und mit „Gerne allein“ gerade sein zweites Studioalbum veröffentlicht hat, kommt Fayzens Bescheidenheit nicht von ungefähr. Denn er hat nicht immer vor zahlendem Publikum in ausverkauften Clubs gespielt, sondern lange Zeit für einen unkalkulierbaren Tagessatz in den Straßen der Hansestadt.

“Realness” statt Retortenpop

Mit eigenen Texten und einer Rap-Crew fing alles an und bald galt es, die erste selbstproduzierte Platte irgendwie unter die Leute zu bringen. „Ich stand meistens in der Einkaufszone rund um die Spitalerstraße“, erzählt er nun bei Burgern und Bier. „Zuerst wollte ich nur ein paar CDs verkaufen, aber daraus wurde ein echter Job. Drei bis viermal die Woche haben wir Straßenmusik gemacht, Fremden was vorgerappt oder ihnen Kopfhörer mit unserer Musik aufgesetzt.“ Vier Jahre ging das so. „Mein Vater fand das erst nicht so cool“, schiebt Fayzen nach. „Er hätte es lieber gesehen, wenn ich Ingenieur geworden wäre oder Arzt.“

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Nicht mehr lang, bis Fayzens Songs, zerbrechliche Extrakte seiner eigenen Geschichte, ungebremst durch das Gruenspan hallen.

Doch irgendwann verdient Fayzen mit den CD-Verkäufen genug, um seine Eltern finanziell zu unterstützen. Mehr als 20.000 Demo-Alben bringt er in Eigenregie an den Mann, bis er eines Tages den einen anspricht, der Kontakt zum Label herstellt. Und auch dort überzeugt Fayzen mit seinem Talent, Poesie zu vertonen, ohne dabei je ins Banale abzurutschen. Nun ist er angekommen, wo er all die Jahre hingewollt hat – nach einer gefühlten Ewigkeit und trotzdem ganz plötzlich. Seinen Anspruch an wahre, handgemachte Kunst hat er auf diesem Weg nicht verloren: „Ich mag einfach keine nichtssagende Plastikmusik“, erklärt er. „Und ich scheue mich nicht davor, auch Seiten von mir zu zeigen, die unsexy sind. Wenn es echt ist, dann muss es raus.“ Fayzen dreht sich eine Zigarette. Nicht mehr lang, bis seine Songs, zerbrechliche Extrakte seiner eigenen Geschichte, ungebremst durch das Gruenspan hallen. Allmählich wird er nervös. „Wir haben zwar schon das Knust und das Uebel & Gefährlich vollgemacht, aber das wird ‘ne andere Hausnummer.“ Sein Papa ist heute sehr stolz auf ihn.

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Fayzens Eltern sind heute Abend nicht im Publikum, dafür ist eine Freundin gekommen: die Hamburger Künstlerin Lina Maly, die 2016 selbst beim Reeperbahn-Festival aufgetreten ist. Sie wird gleich für einen Song mit Fayzen auf der Bühne stehen. „Er hat mich spontan angerufen und gefragt, ob ich Lust und Zeit hab, mit ihm ‚Rosarot‘ zu singen“, erzählt sie uns kurz vor Show-Beginn im Backstage-Teil des Gruenspan. Während Lina gelassen auf einem Chesterfield-Sofa lümmelt, ist Fayzens Anspannung auf dem Höhepunkt. Er flitzt noch ein paar Mal hin und her, fährt sich durch die Haare, sucht irgendwas, dann geht es los. Etwas mehr als eine Stunde singt, springt, trommelt und tanzt er alle Energie aus sich heraus, hält zwischendurch kurz inne und gibt so auch den leisen Worten Raum. Zum Abschluss stimmt er zusammen mit dem Publikum eine Friedenshymne an. „Ich hab mir schon als Kind in den Kopf gesetzt, die Welt mit Musik irgendwie gerechter zu machen“, sagt Fayzen hinterher verschwitzt, und packt die Brille ein, die die Welt zwar nicht gerechter, aber doch zumindest ein bisschen schöner macht. „Auch, wenn ich das perfekte Lied vielleicht nie finden werde.“

Mehr Infos zu Fayzen und aktuelle Tourdaten findest du hier: www.fayzen.de

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