Wacken Open Air: Die Welt ist ein Dorf

Metal-Walhalla vor Hamburgs Toren

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Gepflegte Gärten, eine Kirche und viel Wind hinterm Haus – Wacken ist norddeutsche Provinz aus dem Bilderbuch. Zumindest bis Anfang August. Dann verwandelt sich das 1.800-Seelen-Dorf jedes Jahr in das größte Metal-Festival der Welt. Und die Einwohner? Die machen einfach mit. Wir haben unsere Autorin Anne Kleinfeld losgeschickt, um Wackens verrückte Metamorphose zu dokumentieren.

Autor

Anne Kleinfeld

Anne mag Sachen mit Witz, Musik und Liebe und ist von menschlichen Eigenarten fasziniert. Am besten schreibt sie spät abends mit einer sonderbaren Katze auf dem Schoß.

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Fotos: Kevin McElvaney

Schon auf der Autobahn Richtung Norden zeichnet sich das Ziel dieser Reise ab – es klebt in Form riesiger Kreppband-Buchstaben auf den Heckscheiben der Wagen um uns herum. W:O:A steht da, kurz für Wacken Open Air, das weltgrößte Heavy-Metal-Festival – und ein norddeutsches Phänomen. Denn Wacken, das ist nicht nur eine knappe Woche Campen, Bier und internationale Metal-Szene, sondern auch ein stinknormales Dorf, eine Autostunde von Hamburg entfernt.

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Ausnahmezustand im ganzen Dorf: Der kleine Lebensmittelladen öffnet nur noch ein Mal im Jahr - extra für das Festival.

Zwischen Mistforke und Pommesgabel

Wir biegen auf die Landstraße ab, passieren reetgedeckte Häuser, Kühe und Ackerland. Zwei Dörfer noch bis Wacken, als uns aus den Vorgärten auf einmal Kinder grüßen. In offiziellen Festival-Shirts und mit frechem Zahnlücken-Grinsen sitzen sie auf Mülltonnen und Mauern und recken für Vorbeifahrende die Pommesgabel in die Luft: Zeigefinger und kleiner Finger ausgestreckt, der Rest der Hand zur Faust geballt – die weltweit verständliche Metal-Geste. Noch haben die Mini-Rocker Spaß, doch sie werden wohl Ausdauer brauchen. 75.000 röhrende Musikfans reisen Anfang August aus jeder Ecke des Planeten an, um ganz Wacken – und seine Wirtschaft – zum Beben zu bringen. Bis zu 5.000 Besucher erwartet allein der Hamburger Flughafen zur 28. Festival-Ausgabe an seinem eigens errichteten „Wacken Airport“. Und jeder aus Richtung Süden muss hier durch. Da taucht auch schon das Ortsschild auf. Welcome to Wacken! Der Wahnsinn beginnt.

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Zwei Welten treffen aufeinander: Metal-Party im Vorgarten.

Wacken: Der weltbekannte Provinz-Rebell

In Wackens Hauptstraße herrscht Ausnahmezustand. Wo normalerweise Trecker und Familien-Vans auf zwei Spuren aneinander vorbeitrödeln, ist für die Dauer des Festivals eine temporäre Fußgängerzone eingerichtet. Und die ist schwarz. Überall stehen, sitzen und flanieren gut gelaunte Metal-Fans, die nicht nur die Vorliebe für Haudrauf-Musik, sondern auch der düstere Dresscode eint: Schnürstiefel, Band-Shirts, Lederjacken, Patches, Bärte, lange Mähnen, Tattoos und derber Schmuck. Eine Art Familientracht, dank der man im Umkehrschluss auch die echten Dorfbewohner auf einen Blick erkennt. Viele sieht man jedoch nicht, denn die meisten sind schwer beschäftigt. Schließlich will die Metal-Meute essen, trinken oder auch mal aufs Klo. Und für all das sind die Wackener gewappnet.

Die Wacken-Wanderer 2017

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  • Joris (26) aus Holland: “Wacken ist ein völlig verrückter Ort, der jedes Jahr nur für ein paar Tage existiert – ein einziges großes Metal-Walhalla.“

  • Eugenio (26) aus Chile: "Ich komme aus der größten Hafenstadt in Chile – in Hamburg fühle ich mich deshalb immer ein bisschen wie zuhause.”

  • Javier "Jedi" (32) aus Spanien: “Ich kenne den Elbtunnel, St. Pauli, das Rathaus und Hamburgs Geschichte ganz gut. Ich weiß zum Beispiel auch, dass ihr mehr Brücken habt als Venedig.“

  • David (41) & Mayi (52) aus Spanien: “Wir sind seit zwei Jahren verheiratet und das hier ist unser zweites gemeinsames Wacken. Wir genießen die Musik und kommen gern hierher.“

  • José (38) & Carmen (32) aus Chile: “Für uns war Wacken immer ein Mythos – dass wir jetzt wirklich hier sind, ist wie ein wahrgewordener Traum. Wir lieben Hamburg, besonders das Nightlight auf der Reeperbahn. Da trifft man immer nette Metal-Heads.“

  • Bert (25) aus Belgien: “Das Beste an Wacken ist das Gefühl totaler Freiheit. Und das scharfe Chili con Carne, das ist großartig – und der Preis stimmt auch.“

  • Marcus (31) aus Kanada: “Ich bin zum dritten Mal in Wacken. Einfach, weil man nirgends so viele coole, herzliche Leute trifft. Bevor wir von Hamburg aus zurückfliegen, geht es garantiert nochmal auf die Reeperbahn.“

  • William (32) & Sabrina (26) aus Brasilien, Mitte: Lee (31) aus China: “Wir planen unser erstes Mal Wacken schon seit zwei Jahren und jetzt hat es endlich geklappt. Nach der Landung in Hamburg haben wir sogar noch ein bisschen was von der Stadt gesehen, zum Beispiel die Reeperbahn und die Elbphilharmonie.“

  • Rachel (30) & Lisa (28) aus England: “Hier ist es viel schöner und sauberer als auf anderen Festivals. Auch Hamburg fanden wir bei der Durchfahrt super, vor allem den Mix aus alter und neuer Architektur – und die vielen Sex-Shops. Wir müssen auf jeden Fall nochmal für ein paar Tage wiederkommen.“

Statt ihre Türen zu verriegeln, machen die Anwohner ganz einfach mit. Und verwandeln ihre Carports und Vorgärten mit Bierwagen, Wurstbuden, Dixies und lautem Sound in öffentliches Festivalgelände. Sogar die Dorfkinder übertreffen sich mit ihren Geschäftsideen: Während die großen Jungs die Einkäufe der Besucher auf Lastenrädern aus dem Ort ins Camp kutschieren, verkaufen die Mädchen auf dem Gehweg selbstgebackene Muffins oder geflochtene Armbänder für 50 Cent das Stück. Ich kaufe eins für mich und noch eins für den mitgereisten Fotografen. Das Business brummt. Und auch die anliegenden Läden haben in den Festivalmodus geschaltet. Ob Gartenzwerge mit Ortsschild oder Uhrenkollektionen mit Schädel-Gravur – kein Souvenir ist so absurd, dass es nicht funktioniert.

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Flavio und Corrado aus Mailand kaufen Muffins von einer kleinen Wackenerin.

Anlaufpunkt Nummer eins aber ist der alte Edeka, der nur noch einmal im Jahr extra für das Open Air geöffnet wird. Am Ortsausgang gibt es längst eine große, modernere Filiale – doch jetzt wird der Umsatz hier gemacht. Getränke, Grillzubehör und auch ein paar Vitamine: Das Sortiment beruht auf Erfahrung, Verkaufsschlager sind Klappstühle und Bier. Auch José und Carmen aus Chile machen noch ein paar Besorgungen, bevor auf den Bühnen der Ton angeht. „Für uns war Wacken immer ein Mythos. Wir lieben Hamburg, besonders das Nightlight auf der Reeperbahn. Da trifft man immer nette Metal-Heads. Dass wir jetzt wirklich hier sind, ist ein wahrgewordener Traum“, sagt José. In dem schmalen Laden ist die Hölle los, die Stimmung aber friedlich. Das bestätigt man uns auch nebenan in der Bäckerei Wrage. Verkäuferin Claudia sagt: „Ich bin zwar abends froh, wenn ich im Bett bin, aber die Kunden sind alle total nett und hilfsbereit.“ Der Wackener Traditionsbetrieb bietet in dieser Woche außerplanmäßig deftiges Wackenbrot an, außerdem gibt es hier die „Funny Fingers“ – klassische Berliner in Pommesgabel-Form.

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Autorin Anne bekommt ein selbstgeknüpftes Wacken-Armband.

„Jetzt ist hier endlich mal was los“

Vor der örtlichen Eisdiele ein paar Meter weiter sitzt – umringt von schwarzen Gestalten – ein Paar auf einer Bank. Elke und Klaus sind um die siebzig und ziemlich gut gelaunt. „Wir wohnen in der Gegend und kommen einfach gern zum Gucken her“, erzählt Klaus. „Jetzt ist hier endlich mal was los, das ist doch toll!“ Und seine Frau ergänzt: „Nächstes Jahr sichern wir uns vielleicht auch ein Bändchen. Solange wir uns keinen nassen Mors holen, warum nicht?“ Zumindest heute bleiben Regengüsse aus und unsere Hintern somit trocken. Apropos, ob wir jetzt nicht mal auf Gelände müssen, fragt uns Elke. Schließlich spielt die Wackener Feuerwehrkapelle in zehn Minuten ihr traditionelles Eröffnungskonzert auf einer der acht großen Bühnen. Was klingt wie ein Clash der Kulturen, ist das perfekte Sinnbild für diesen surrealen Ort. Wacken, das größte Heavy-Metal-Fest der Welt, aber eben auch ein typisch norddeutsches Dorf. Ohne das eine wäre das andere nicht, was es ist.

Mehr Infos zum größten Heavy-Metal-Festival findest du hier:
www.wacken.com

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