Unterwegs im Hamburger Nachtleben

Golem: Ein Club zeigt Kante

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Das Golem ist einer von Hamburgs besten Clubs – weil er neben hervorragenden Drinks und guter Musik auch eine Haltung hat. Autorin Andra Wöllert hat dem Politischen im Nachtleben nachgespürt.

Autor

Andra Wöllert

Andra Wöllert schreibt, spricht und tanzt am liebsten über Subkultur, Lifestyle, Musik und Soziales – vor allem in Hamburg.

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Fotos: Katja Ruge

St. Pauli, Samstagabend, wir sind im Golem, dem Undercover-Allround-Talent im Hamburger Nachtleben. Bis zur Partymeile Reeperbahn läuft man nur ein paar Minuten, aber hier gibt es keine grölenden Prolls, keinen Mainstream-Pop und keine Türsteher – und wer am Tresen eine „Skinny Bitch“ bestellt, dem öffnet das Barpersonal die Augen: „Das ist ein sexistischer Scheißname. Aber ich kann dir Wodka Soda anbieten.“

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Martin hat das Golem von der Hamburger Club-Legende Álvaro Rodrigo Piña Otey übernommen.

Das Golem hat eine erlesene Auswahl an Spirituosen und Cocktails, genug Platz für Lesungen, Podiumsdiskussionen und Konzerte, außerdem im Untergeschoss einen Club und ein kleines Kino, erreichbar nur über eine charmant verborgene Treppe hinter der Bücherwand. Vor allem aber hat das Golem eine Haltung, was in der Clublandschaft heute nicht gewöhnlich ist. Es ist linkspolitisch und nischig, anspruchsvoll aber ohne großes Ego. „Wenn jemand reinkommt und Lust hat, seine Energie und Ideen mit einzubringen, dann ist das super. Es ist ein offenes Konstrukt“, sagt Geschäftsführer Martin Siegmann zum Selbstverständnis.

Im Raumschiff Infinity durch die Nacht

An diesem Samstagabend werden oben in der Bar Tropical Beats aufgelegt. Ich quetsche mich vorbei an Männern mit hamburgisch-hippen Strickmützen, Blondinen in seidenen Business-Blusen, der Transfrau im engen Kleid und den Jungs mit den hippiesken Holzohringen, einer angetrunkenen Mittvierzigerin mit spanischen Akzent und an Abu aus Gambia, der sonst immer im Golden Pudel gefeiert hat, der anderen Hamburger Nachtleben-Institution an der Hafenkante, die nach einem Brand im letzten Sommer gerade wiederaufgebaut wird.

Treppe runter, im Kino läuft heute stumm „Galaxina“, ein Trash-Science-Fiction-Film von 1980. Darin fliegt das Raumschiff Infinity mit einer Besatzung aus Fledermausmann, Space-Sergeant und Androidin durchs All. Aus der Krypta nebenan schallt eine wohlselektierte Fusion aus Synthie, Disco und House – und die Nachtschwärmer tanzen.

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Die Treppe runter, in die Tiefen des Golem.

Programm für Hamburgs intellektuelle Boheme

Eröffnet hat das Golem 2011 noch die Hamburger Club-Legende Álvaro Rodrigo Piña Otey, der auch das Uebel & Gefährlich im ehemaligen Flakbunker Feldstraße mitbetreibt. Er brachte die stilvolle Designer-Einrichtung ein – und ein Programm für die linke, intellektuelle Boheme Hamburgs. Seit zwei Jahren widmet sich der Gründer aber ganz seinem Bistro Carmagnole in der Schanze, dafür hatte Martin den Mumm, das Golem zu übernehmen – am Anfang noch neben seinem Job als Sonderschullehrer für Erziehungsschwierige, seit kurzem zu 100 Prozent.

Was nicht heißt, dass Martin alleine dasteht: Die Golem-Familie ist groß, weil das Netzwerk ständig wächst und der Ort konsequent offen bleibt. „Wir haben hier tolle Räumlichkeiten. Warum soll das Kino nicht genutzt werden für Independent-Produktionen oder von Studenten? Oder warum sollten Literaten hier keine Lesung veranstalten? Ich allein kann nicht für alles Spezialist sein, aber ich kann allen Kreativen einen Raum bieten“, sagt Martin.

Ganz so intellektuell wie in den Anfangstagen geht es allerdings nicht mehr zu. Die Boheme hat sich verzogen, sie ist wahrscheinlich aus dem Nachtleben herausgewachsen und in Bistros umgesiedelt. „Man kann jetzt natürlich sagen, dass das Niveau gesunken wäre. Aber man kann auch sagen, jetzt können mehr Menschen Gefallen an so einem kulturellen Programm finden – was nicht heißt, dass es popkulturell verramscht wird“, sagt Martin zum neuen, aber weiter hohen Anspruch. Dazu gehören Jazzabende jeden Mittwoch oder regelmäßige Lesungen und Diskussionsrunden. Erst vor ein paar Tagen lud das queer-feministische Hamburger Kollektiv Bubble zu einem politischen Talk mit LGBTIQ+-Künstlern und -Aktivisten aus Istanbul und Berlin.

Weitere besondere Lebensentwürfe und kreative Biotope gibt's in der neuen Ausgabe von "gentle rain", bestellbar unter www.gentlerainmag.com.

Der Mainstream bleibt also weiter draußen, dafür ist das Golem jetzt offener für mehr und unterschiedliche Subkulturen. Auf lange Sicht eine kluge Entscheidung, um das Golem am Leben zu halten. Denn örtlich bescheinigt Martin dem eigenen Laden nicht einmal eine В-Lage, obwohl er am pittoresken Fischmarkt liegt und am Samstag nach der Party direkt das fangfrische Matjesbrötchen winkt. „Sobald der Hamburger mehr als acht Minuten laufen muss …“, sagt Martin. Aber sie laufen.

Mehr Infos zum Golem
gibt's unter www.golem.kr

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