Virtual-Reality-Startups in Hamburg

Bau dir deine eigene Welt

Im Atelier von 3D-Designer Tobias Wüstefeld

Brille auf, ab geht’s: Virtual Reality steht grad an der Schwelle zum Massenmedium. Unser Autor Georg Dahm hat Hamburger Gründer besucht und sich in ihren Paralleluniversen umgesehen.

Fotos: Roeler

„Es ist nur ein Film! Nur! Ein! Film!“, fliegt kurz durch meinen Kopf, aber das Gehirn hat genug damit zu tun, nicht komplett in Panik-Modus zu schalten. Ich stehe hoch über einer Straßenschlucht auf einem bedrohlich schwankenden Bauträger. Drehe mich um – und da steht dieser Killerroboter, der nach mir greift. Mein Puls rast, meine Beine versagen – ich reiße mir das Virtual-Reality-Headset vom Kopf und gehe japsend in die Knie.

„Dieses Spiel zeige ich den Leuten gerne, um klar zu machen, was VR heute kann“, sagt 3D-Designer Tobias Wüstefeld mit einem unschuldigen Lächeln. Hat geklappt: Die virtuelle Realität ist wirklich angekommen. In den letzten fünf Jahren hat sich die Technik so rasant entwickelt, dass sie schon bald zum Massenmedium werden könnte.

So funktioniert’s: 3D-Designer Tobias Wüstefeld zeichnet im virtuellen Raum.

„Es ist krass, wie viele Kollegen sich gerade eine VR-Ausstattung kaufen“, sagt Wüstefeld, der in einem Hinterhofbüro im Stadtteil Altona ein Studio eingerichtet hat. Seine Spezialität sind detailverliebte Miniaturwelten; Kunden wie Ferrero oder Russian Railways bestellen Kamerafahrten durch Fantasie-Landschaften, absurde Gebäude und Maschinen. Früher hätte er sie am Bildschirm erschaffen, mit einem 3D-Programm. Heute setzt er seine VR-Brille auf und baut freihändig in den Raum. Infrarotsensoren messen seine Bewegungen, zwei Controller machen seine Hände zu Werkzeugen. „Was ich auf diese Weise baue, wirkt viel echter. Weil es eben nicht so perfekt ist.“

Noch vor zwei Jahren wäre die dafür nötige Technik unbezahlbar gewesen. Heute kann sich jeder für 450 Euro eine VR-Komplettausstattung kaufen – dazu braucht er allerdings einen PC mit starker Grafikleistung. 900 Euro kosten zum Beispiel die Profi-Grafikkarten, von denen sich Wüstefeld gleich mehrere in seinen Rechner gebaut hat.

3D-Designer Tobias Wüstefeld
Am Computer wird das virtuell gezeichnete 3D-Modell mit Texturen belegt, nachbearbeitet und beleuchtet.

Seit den 60er Jahren ist Virtual Reality eine Vision, aber erst 2012 begann ihr Durchbruch mit der Oculus Rift, einer erschwinglichen VR-Brille. Oculus gehört inzwischen zu Facebook, auch Konzerne wie Samsung, Microsoft, Sony und HTC drängen in den Markt, mit eigener Technik und Investitionen in Startups und Studios – denn alle brauchen jetzt Anwendungen, die am Markt funktionieren.

Weswegen die Stadt Hamburg allein in das Förderprogramm next.reality 2017 und 2018 insgesamt 300.000 Euro investiert, das die Hansestadt international als VR-Standort etablieren soll. „Wir haben hier viele spannende Akteure, aber wir müssen sie sichtbarer platzieren und besser vernetzen“, sagt Frank Steinicke, Informatik-Professor an der Universität Hamburg. Er leitet das Projekt und berät auch das „VR-Headquarter“, das in der historischen Speicherstadt entsteht. In den Coworking-Space sollen junge VR-Unternehmen einziehen – Startups, die zum Teil aus seinem Bachelor-Studiengang Mensch-Computer-Interaktion hervorgehen. „Wir erleben einen massiven Run“, sagt Steinicke, „die Kurse sind rappelvoll, obwohl wir unsere Kapazitäten verdoppelt haben.“

Willkommen im VR Headquarter

  • VR-Nerds Teamfoto
  • Noys VR Teamfoto
  • Spice VR Teamfoto
  • Im „VR Headquarter” sollen künftig innovative Unternehmen aus Hamburg zusammenarbeiten. Unter anderem mit dabei: die Crew der VR Nerds, im Bild Mitgründer und Marketingleiter Philipp Steinfatt, Kreativchef Nico Uthe und Projektmanager Christian Grohganz …

  • … die Konzertfans von NoysVR, im Bild Web-Entwickler Martin Wannowius sowie die Mitründer Fabio Buccheri, Pascal Kuemper, Jörg Kahlhöfer und Fatih Inan …

  • … sowie das Team von Spice-VR, Entwickler der 360°-Drohne „Spherie“ (hamburg ahoi berichtete) - Foto: Kevin McElvaney

Seit dem Launch der Oculus Rift hat sich eine lebendige Szene von Vorreiterinnen herausgebildet. Menschen wie Sara Lisa Vogl, die noch als Design-Studentin in ihrer Hamburger WG auf den Gestalter Nico Uthe traf und mit ihm zusammen „Lucid Trips entwickelte, eines der ersten Spiele für die neue Technik-Generation. Darin taucht man in eine Traumwelt ein, in der man wie schwerelos springt, gleitet, fliegt. „Nico hatte damals eine ausgerenkte Schulter und konnte keinen Sport machen, so kamen wir auf die Oculus Rift“, sagt Sara. Zusammen mit ihrer Mutter nähte sie eine Aufhängung für den Spieler, eine zweckentfremdete Drohne simulierte den Wind – alles sehr handgemacht, alles sehr aufwändig. Heute kann jeder Lucid Trips auf der HTC Vive spielen, deren Entwicklerteam lernte Sara in Kopenhagen kennen und schwatzte ihnen die erste Entwicklerversion für Deutschland ab.

Geblieben aus den Pioniertagen ist auch das von Uthe mitgegründete Startup „VR Nerds“, das in den geplanten Coworking-Space in der Hafencity einziehen wird. Noch sitzt das Unternehmen in einem alten Billhorner Gewerbebau, links und rechts rattern die Bahnen vorbei, während drinnen Fantasiewelten entstehen. VR Nerds ist in der Szene bekannt für den gleichnamigen Fach-Blog, hat sich aber auch als Kreativstudio etabliert, das zum Beispiel für Kunden wie Beiersdorf VR-Installationen für Messen baut.

VR Nerds TowerTag

Das VR-Game „TowerTag“ kann man schon heute Probespielen – die eigens entwickelten „Markierer“ kommen nebenan aus dem 3D-Drucker.

„2016 war das totale Hype-Jahr, alle wollten irgendwas mit VR“, sagt Projektmanager Christian Grohganz. Wobei viel Geld nicht immer zu besseren Ergebnissen führe: „Wir haben VR-Produktionen von großen Gamestudios gesehen, die in der Community durchgefallen sind“, sagt Grohganz. Ohne großen Etat hat VR Nerds sein Spiel „TowerTag“ herausgebracht, bei dem sich die Spieler mit vollem Körpereinsatz durch eine virtuelle Paintball-Arena bewegen. Spielen kann man bereits im Mundsburg-Center – „wir vermarkten das bewusst an Arcades, also öffentliche Videospielhallen, und nicht an Endkunden“, sagt Grohganz. „Trotz des Booms haben ja noch nicht so viele ein VR-Set zu Hause.“

Mit Bordmitteln hat auch „Noys VR“ seinen Erstling entwickelt. Und gerade sieht man an den Augenringen der Gründer, dass ihr Alltag noch etwas stressiger ist als sonst: „Wir haben zehn Tage lang nach kalifornischer Zeit gelebt“, sagt Mitgründer Fabio Buccheri. Auslöser für den Endspurt: Der VR-Gigant Oculus ist auf das Startup aufmerksam geworden und hat eine hervorgehobene Platzierung in seinem App-Store angeboten.

Noys VR Faith Inan
Brille auf dem Kopf - drinnen spielt Musik: Noys-VR-Mitgründer Fatih Inan ist auf der Suche nach neuen Konzerterlebnissen.

Noys VR bauen virtuelle Bühnen, auf denen Musiker Konzerte geben können. Die Fans beamen sich per VR-Brille ins Geschehen. „Wir sind selber Musiker und wissen, dass man ein echtes Konzerterlebnis nicht nachbilden kann“, sagt Mitgründer Fatih Inan. „Aber in den Welten, die wir bauen, sind ganz andere Konzerterlebnisse möglich als in der echten Welt.“

Die Musikstadt Hamburg hat die Gründer an die Elbe gezogen – und hilft ihnen bei der Markteinführung. Labels wie Warner Music haben Noys VR mittlerweile auf dem Radar. „Die Stadt tut viel für uns“, sagt Buccheri, „zum Beispiel konnten wir uns auf dem Reeperbahn-Festival präsentieren“ – eine Möglichkeit, die sie sich mit der Teilnahme am Music Worx Accelerator der Hamburg Kreativ Gesellschaft verdient hatten. Ein weiterer Faktor sei die in Hamburg starke Games-Branche: „Dadurch hast du hier sehr gut ausgebildete Leute.“

Dass der Spielesektor die VR-Branche stark treibt, sei naheliegend, sagt Informatik-Professor Steinicke: „Gamer haben schon die nötige Hardware, die können direkt loslegen“. Dass die Möglichkeiten von VR mit Games nicht ausgereizt sind, sieht er schon an den Abschlussarbeiten in seinem Studiengang. „Da passiert zum Beispiel viel im Therapie-Bereich, für Parkinson-Patienten oder in der Behandlung von sozialen Phobien.“

Die Forschung habe sich extrem beschleunigt, sagt Steinicke: „Wenn Sie vor zehn Jahren eine Idee hatten, konnten Sie sich noch Zeit lassen. Heute googeln Sie das und sehen: Macht schon einer.“ Ist das jetzt nur ein weiterer Hype? Nein, sagt Steinicke: „Diese Technologie wird nicht mehr verschwinden.“

Mehr Innovation in Hamburg: future.hamburg

Mehr Virtual Reality in Hamburg findest du hier:

next.reality
VR Nerds 3D-Drucker